Nationalmannschaft : Hockey: Frauen am Rande der Revolte

Eine fruchtbare Zusammenarbeit lässt sich nur schwer per Dekret erzwingen, die Hockey-Nationalmannschaft aber scheint erfolgreich zu ihrem Glück genötigt worden zu sein.

Stefan Hermanns
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In seine Richtung. Hockey-Bundestrainer Michael Behrmann hat mit dem Frauenteam zu neuer Harmonie gefunden. Foto: dpa

Berlin - Kais Al Saadi hat jetzt die Kriecherhaltung eingenommen – das gehört gewissermaßen zu seinem Job. Al Saadi robbt über den Kunstrasen, um den Hockey-Nationalspielerinnen zu zeigen, wie man am besten in eine scharfe Flanke schliddert. „Das ist ein Verrückter, der ein bisschen Dynamit reinbringt“, sagt die Berliner Stürmerin Natascha Keller über Al Saadi, den neuen Assistenten von Bundestrainer Michael Behrmann. Genauso verrückt wie sein Vorgänger Markus Lonnes, der den deutschen Frauen nach den Olympischen Spielen in Peking verloren gegangen ist und inzwischen den Bundesligisten Rot-Weiß Köln trainiert. Wenn bei der Hockey-Nationalmannschaft der Kotrainer wechselt, ist das normalerweise eine Nachricht von eher nachrangiger Bedeutung. Im Fall Lonnes war das anders. „Er hat viel gemacht und war sehr wichtig für uns“, sagt Natascha Keller. Sein Abschied hat die Nationalspielerinnen im Herbst an den Rand der Revolte getrieben – gegen Michael Behrmann.

Man kann nicht sagen, dass die Mannschaft den Bundestrainer los werden wollte. „Es gab keine einhellige Meinung im Team“, sagt Keller. Aber es gab zumindest Diskussionen um den Cheftrainer, die Behrmann „letztlich nicht nachvollziehbar“ und „in der Heftigkeit überraschend“ fand. Der E-Mail-Verkehr innerhalb der Mannschaft war recht intensiv, und irgendwann sei dann alles aus dem Ruder gelaufen, berichtet Keller. Die eindeutige Position des Deutschen Hockey-Bundes (DHB) beendete die Revolte dann aber schon im Ansatz. „Wir sind überzeugt, dass wir mit Michael Behrmann den richtigen Trainer haben“, sagt Sportdirektor Rainer Nittel. Das wurde auch den Spielerinnen so deutlich mitgeteilt: Über Behrmann werde nicht diskutiert. Damit war das Thema erledigt.

Das ist es in der Tat. Eine fruchtbare Zusammenarbeit lässt sich nur schwer per Dekret erzwingen, die Hockey-Nationalmannschaft aber scheint erfolgreich zu ihrem Glück genötigt worden zu sein. „Momentan sind alle echt zufrieden, wir arbeiten richtig gut zusammen“, sagt Behrmann, dem nach Olympia und vor den nächsten großen Aufgaben ein überzeugender Neustart gelungen ist. In diesem Sommer stehen die Champions Trophy in Sydney an und Ende August die EM in Amsterdam. Zur Vorbereitung spielen die deutschen Frauen heute (15 Uhr) und morgen (12 Uhr) im Hockeystadion auf dem Olympiagelände gegen Weltmeister Holland. „Nach diesen Spielen weißt du, wo du stehst“, sagt Behrmann. „Ich bin eigentlich ganz guter Dinge.“

Die Spannungen aus dem Herbst jedenfalls sind ausgeräumt. Sportdirektor Nittel sagt, die Irritationen seien aus der Frustration über das Abschneiden bei Olympia entstanden. Das Turnier endete für die Deutschen als Titelverteidiger mit zwei Niederlagen und ohne Medaille. „Im ersten Moment war ich so enttäuscht wie noch nie“, sagt Natascha Keller. „Weil in der Mannschaft mehr drinsteckt und wir es nicht herausgeholt haben.“

Die Schuld dafür allein beim Trainer zu suchen findet Behrmann zu einfach, trotzdem hat er auch sich und seine Rolle hinterfragt. „Wir haben alle unsere Lektion gelernt“, sagt er. Er hat die Aufgaben im Trainerteam neu verteilt, so dass bei den Spielerinnen zumindest der Eindruck entstanden ist, dass er nicht mehr so viele Kompetenzen abgebe. Für den 42-Jährigen sind das Erfahrungen, die er selbst erst machen musste. Olympia war für den früheren Trainer der U-21-Juniorinnen das bisher größte Turnier mit der A-Nationalmannschaft. „Ich habe mir nichts vorzuwerfen“, sagt er. „Alles, was wir konnten und wussten, haben wir da reingeworfen.“ Aber er merkt jetzt auch, dass er sicherer wird in dem, was er tut. Michael Behrmann sagt: „Man muss mir auch ein bisschen Zeit geben, um gut zu werden.“

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