Nationalmannschaft : In der Mitte wieder ganz vorne

Stürmer Lukas Podolski glänzt nach seiner Versetzung ins deutsche Mittelfeld gegen Zypern. Neben dem Münchner war es vor allem Jens Lehmann, der aus dem Spiel neue Kraft schöpfte.

Stefan Hermanns[Hannover]
Poldi Lehmann
Geliebte Heimat: Im Nationalteam haben Jens Lehmann und Lukas Podolski zurzeit mehr Freude als in ihren Klubs. -Foto: dpa

Die besten Komiker sind in Wirklichkeit sehr ernste Menschen. Es könnte also gut sein, dass Angelos Anastasiadis eine komödiantische Ader besitzt. Zyperns Nationaltrainer blickte grimmig ins Publikum, in ihm arbeitete die Wut über die 0:4-Niederlage gegen die deutsche Nationalmannschaft, und dann sprach er einen Satz so trocken wie ein vier Wochen altes Brötchen. Das frühe 1:0 der Deutschen sei „ohne irgendwelche Gründe“ gefallen. Eine krachende Pointe, vermutlich der beste Witz des Abends. Oder muss man Herrn Anastasiadis jetzt doch eher für einen Staatsfeind halten, weil er sich an unserem Nationalhelden vergangen hat?

Ohne irgendwelche Gründe? Ha! Hatte doch ein jeder gesehen, dass der Sieg der Deutschen nur einen Grund hatte: Lukas Podolski. Uns Poldi. Prinz Fußball. Halbgott in weißem Trikot.

„Der Lukas Podolski hat schon auch ein klasse Spiel absolviert“, sagte Bundestrainer Joachim Löw. Unter den gegebenen Umständen darf diese Erkenntnis als ebenso überraschend wie selbstverständlich gelten. Überraschend, weil Podolski sich auf eine ungewohnte Position verschoben sah: vom Sturm zurück ins linke Mittelfeld. Erst am Abend vor dem Spiel hatte der Bundestrainer ihn mit dieser Idee konfrontiert. „Ich hab ihm gesagt: Ist kein Problem“, berichtete Podolski. Vermutlich hätte er das auch getan, wenn Löw ihn in die Abwehr versetzt hätte, und vermutlich hätte Podolski auch auf dieser Position ein Riesenspiel gemacht. Wenn er derzeit überhaupt Riesenspiele macht, macht er sie selbstverständlich für die Nationalmannschaft.

Die kühle 0:3-Niederlage gegen Tschechien vor knapp fünf Wochen war für Podolski ebenso eine Ausnahme wie für das gesamte Team; doch nach dieser kurzen Verirrung scheint die deutsche Nationalmannschaft wieder zu sich selbst gefunden zu haben. Ihren Mitgliedern ist sie längst teure Heimat, eine Art Wellnessoase in einer unwirtlichen Welt. „Man hat das Vertrauen vom Trainer“, sagte Lukas Podolski. „Da fühlt man sich wohl und kann eine gute Leistung bringen.“

Neben dem Stürmer aus München war es vor allem Jens Lehmann, der aus dem Spiel neue Kraft schöpfte. „Wir wollten ganz bewusst so offensiv spielen, damit Jens Lehmann sich hier in Deutschland wieder auszeichnen kann“, scherzte Bundestrainer Löw. Der Torhüter, bei seinem Klub seit Monaten nur Ersatz, hat zuletzt kühne Rechnungen aufgestellt, wie er bis zum Sommer genügend Spielpraxis zusammenbekommt, um bei der EM das Recht auf seinen Stammplatz nicht zu verlieren. Gegen Zypern wurde die Kalkulation deutlich übertroffen. Fünfmal musste Lehmann eingreifen, weil die deutsche Mannschaft zu oft von der Leichtigkeit in den Leichtsinn schaltete. „Wir haben ihm wieder gerne geholfen“, sagte Verteidiger Per Mertesacker.

Immerhin folgte die Mannschaft dem Willen ihres Trainers, der seinen Spielern mit der Versetzung des Stürmers Podolski ins Mittelfeld signalisiert hatte, sich im Zweifel für die Offensive zu entscheiden. Podolskis Talent entfaltet sich ausschließlich im Spiel nach vorne. Nach 70 Sekunden startete er an der Eckfahne ein Solo gegen zwei Zyprioten, ein dritter kam hinzu und auch der Torhüter noch. Podolski flankte, Clemens Fritz hechtete heran und wuchtete den Ball mit dem Kopf zum 1:0 ins Netz.

Geradezu manisch stürzte sich Podolski ins Getümmel. In jeder Aktion steckte hohe Energie, ganz egal ob er mit dem Ball am Fuß losstürmte, in den freien Raum nachstieß oder Pässe mit erstaunlicher Trennschärfe spielte. „Er ist mit viel Tempo auf die Abwehrspieler losgegangen, hatte großes Durchsetzungsvermögen und die Bälle im richtigen Moment abgespielt“, sagte Joachim Löw. Von den vier deutschen Toren bereitete Podolski zwei vor, eins schoss er selbst.

Seine Versetzung ins Mittelfeld erwies sich als kalkulierbares Risiko: zum einen, weil die Zyprioten die Vernachlässigung der Defensive nicht konsequent nutzten; zum anderen, weil die ungewohnte Position für Podolski gar nicht ungewohnt war. Beim 1. FC Köln hat er sowohl in der Jugend als auch bei den Profis hinter den Spitzen gespielt. „Die Position liegt mir“, sagte Podolski. „Ich bin ein Typ, der gern den Ball am Fuß hat.“ Das ist keine gute Nachricht für Bundestrainer Löw, der zuletzt versucht hat, Lukas Podolski auch für das Spiel ohne Ball zu begeistern. Es sieht ganz so aus, als hätte er bei diesem Unterfangen am Samstag einen schweren Rückschlag erlitten.

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