Nationalmannschaft : Jenseits von Südafrika

Obwohl es der vierte Sieg im vierten EM-Qualifikationsspiel war, hat die Partie in Kasachstan doch vor allem eines gezeigt: Der deutschen Mannschaft steckt immer noch die Weltmeisterschaft in den Knochen

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Geschichtenerzähler. Lukas Podolski (rechts) in ungewohnter Rolle. Heiko Westermann hört interessiert zu.
Geschichtenerzähler. Lukas Podolski (rechts) in ungewohnter Rolle. Heiko Westermann hört interessiert zu.Foto: AFP

Die Kasachen sind ein arbeitsames Volk. In der Hauptstadt Astana dreht sich alle paar Meter ein Baukran, es gibt viel zu tun, der Ausbau zur globalen Metropole ist bis 2030 terminiert. Auch die Spieler der deutschen Nationalmannschaft können dazu eine Anekdote beisteuern vom jüngst erkämpften 3:0 in der zentralasiatischen Steppe. Nach absolvierter Pflichtübung erzählten Kapitän Philipp Lahm und seine Kollegen, wie sie am Dienstag begrüßt worden waren: mit klopfenden Hämmern! Früh am Morgen!! Und das am Tag eines EM-Qualifikationsspiels!!!

Am Ende musste Lahm selbst lachen über die Geschichte. Ja, es hatte sich eine kasachische Handwerkerkolonne hämmernderweise am Mannschaftshotel in Astana zu schaffen gemacht, allerdings erst am späten Vormittag. Früh am Morgen war es allein für die Deutschen, die im Sinne einer optimalen Vorbereitung (und der deutschen Fernsehgewohnheiten) die vier Stunden Zeitunterschied zwischen Berlin und Astana ignorierten und einfach nicht die Uhr umstellen wollten. Weder die äußere noch die innere. Das kasachische Arbeitsethos durchkreuzte den schönen Plan, den Biorhythmus einfach mit ins Flugzeug zu nehmen und erst zu Hause wieder auszupacken. „Die Zeitumstellung und der lange Flug haben uns schon zu schaffen gemacht“, sagte Bundestrainer Joachim Löw.

Es ist Astana einiges nicht so gelaufen, wie es sich die Deutschen vorgestellt haben. Der 3:0-Sieg war der erste in der 102 Jahre währenden Länderspielgeschichte, der sich über zwei Tage verteilte, und er musste schwer erarbeitet werden. Was am späten Dienstag zäh begann, endete am frühen Mittwoch immerhin mit einem guten Ergebnis. Die WM in Südafrika und der direkte Neubeginn in der Bundesliga nach viel zu kurzer Pause mit gleichzeitiger Belastung in der EM-Qualifikation haben Substanz gekostet. Mehr Substanz, als auch eine eingespielte Mannschaft auf Dauer wegstecken kann. Das geht auf Kosten des schönen Spiels.

Viel wird nicht in Erinnerung bleiben von diesem Late-Night-Gastspiel. Vielleicht Mesut Özils Zauberpass vor dem Führungstor. Lukas Podolskis Solo zum finalen 3:0. Und eine Einlage von Manuel Neuer: Wie der Torhüter den Ball weit vor dem Strafraum mit der Hacke mitnahm, einen Kasachen austrickste und per Vertikalpass auf Holger Badstuber einen Angriff einzuleiten versuchte. Das war kurz vor der Pause, als die Kollegen Feldspieler trotz erdrückender Überlegenheit immer noch kein Tor zustande gebracht hatten. Aber, und das zeichnet eine große Mannschaft aus: Am Ende hat das wieder gestimmt, was die Türken als vermeintlich schärfster Rivale von ihrem Spiel in Aserbaidschan (0:1) nicht sagen können. An einem 3:0 lässt sich schwerlich rummäkeln, erst recht nicht, wenn es das vierte Erfolgserlebnis war im vierten Spiel der deutschen Kampagne für die Europameisterschaft 2012 in Polen und der Ukraine. In den Katakomben der Astana Arena wiederholte Podolski im Stakkato: „Wichtig waren die drei Punkte!“

Dagegen ist nichts einzuwenden, auch nicht gegen die Einschätzung des Bundestrainers, es könne nicht an jedem Abend eine Gala geboten werden. Und doch schien der statistisch gelungene Abschluss des schweren Pflichtspieljahrs 2010 manchen dazu zu verführen, den braven Gegner ein wenig über seine Verhältnisse zu reden. Sami Khedira fand, „die Kasachen haben gezeigt, dass sie kein schlechter Gegner sind“, Lahm sah sie „sehr gut verteidigen“, und Löw lobte ihre „hohe Lauf- und Einsatzbereitschaft“. Als ihn ein kasachischer Reporter fragte, wer ihm denn am besten gefallen habe, druckste Löw herum und nannte „den Zehner, bei dem hatte man immer das Gefühl, dass er was machen kann“.

Den gegnerischen Zehner zu loben, kann nie verkehrt sein, auch wenn einem der Name gerade nicht geläufig ist. Nurbol Schumaskalijew heißt der Mann, er spielt bei Tobol Qostanai, aber das dürften Löw und seine Spieler bis zum Rückspiel im Frühling wieder vergessen haben. Ja, die kasachischen Fußballspieler waren fleißig und nicht müde zu kriegen, ganz so wie die Bauarbeiter in den Kränen. Das war’s dann aber auch schon. So lange die Deutschen das Spiel kontrollierten, brachte der taktisch und technisch limitierte Gegner keinen vernünftigen Angriff zustande. Und so viele gute Chancen wie in der ersten Halbzeit in Astana hat sich die Nationalmannschaft selten in so kurzer Zeit heraus gespielt.

Bedenklich war zum einen, dass keine einzige dieser Chancen zu einem Tor führte. Und zum anderen, dass die Kasachen nach dem Führungstor des später verletzt ausgeschiedenen Miroslav Kloses keineswegs an die Wand gespielt wurden. Sie erwachten vielmehr zu neuem Leben. Heinrich Schmidtgal, im Alltag beim Zweitligisten Rot-Weiß Oberhausen beschäftigt, hatte sogar zweimal den Ausgleich auf dem Fuß. Das Durcheinander in der kasachischen Abwehr zeitigte dann noch zwei weitere deutsche Tore durch Mario Gomez und Podolski, was den wackeren Schmidtgal zu einem Satz von unfreiwilliger Komik inspirierte: „Wir haben nicht nur gewartet, dass uns die Deutschen die Dinger hinten rein hauen, wir haben auch selbst was dafür getan!“

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