Nationalmannschaft : Joachim Löw: Dirigent der Disharmoniker

Das Länderspieljahr testet die Autorität des Fußball-Bundestrainers Joachim Löw: Kann er seine neue Hierarchie durchsetzen?

Stefan Hermanns,Michael Rosentritt

Wer hätte gedacht, dass der Bodybuilder Tim Wiese mit seinem Sonnenbank-Teint und der gegelten Frisur einmal das perfekte Gesicht unserer schönen, modernen und aufgeklärten Nationalmannschaft sein würde? Noch nach dem Freundschaftsspiel gegen England, dem letzten Länderspiel des Jahres 2008, hatte der Torhüter ein bemitleidenswertes Bild abgegeben. „Mein Gott“, stammelte Wiese in die Fernsehkamera. „Müssen sie den Trainer fragen. Keine Ahnung“, antwortete er auf die Frage nach seinen Chancen im Kampf um die Nummer eins. „Man darf hier ja in der Öffentlichkeit nichts mehr sagen.“

So also stellt sich der Bundestrainer Joachim Löw seine Mannschaft vor: als eine Ansammlung von Spielern, die sich nichts mehr zu sagen trauen. „Wir wollen den Spielern um Gottes willen keinen Maulkorb verpassen. Das wäre schlecht“, sagt Löw. „Sie sollen ihre Meinung sagen, aber es soll überlegt sein, wo sie das tun. Intern ist fast alles erlaubt.“

Am Mittwoch beginnt für Löw mit dem Freundschaftsspiel gegen Norwegen das Länderspieljahr 2009 – es ist auch so etwas wie der Neustart nach einem schwierigen und wechselhaften Jahr, das hinter dem Bundestrainer liegt. Im Interview mit dem „Kicker“ hat Löw gerade noch einmal auf 2008 zurückgeblickt: „Wir haben einiges erreicht, aber auch einiges falsch gemacht.“

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Der wilde Jogi. Joachim Löw hat einen Rollenwandel vollzogen. Der nette Herr Löw hat sich zum autoritären Bundestrainer...Foto: dpa



Planbarkeit im Fußball hat ihre Grenzen



2008 hat Löw sein erstes großes Turnier als Cheftrainer erlebt, er hat die Mannschaft bei der Europameisterschaft auf Platz zwei geführt, was auf den ersten Blick ein schöner Erfolg war. Auf den zweiten Blick aber hat das Team die eigenen Ansprüche nur rudimentär bedient. Die Mannschaft war nicht fit genug, um dominant und offensiv aufzutreten, und auch Löws Personalauswahl fiel nicht immer schlüssig aus. Im Herbst kamen erhebliche atmosphärische Störungen im Kader hinzu, „Disharmonien“, wie Löw sie nennt, die das offizielle Bild von der harmonischen Gemeinschaft konterkariert haben. Im Nachhinein wirkt es, als sei Löw 2008 ein wenig vom Weg abgekommen. Von seinem Weg.

Um die ganze Geschichte besser zu verstehen, muss man knapp zwei Jahre zurückgehen, in den März 2007, zum EM- Qualifikationsspiel gegen Tschechien in Prag. Es ist das Schlüsselspiel der Ära Löw, nicht weil es das vermutlich beste seiner Amtszeit war, sondern weil es zeigt, wie Löw tickt. Der Bundestrainer hatte den Gegner akribisch seziert und daraus eine Strategie für das eigene Spiel entworfen. Sie funktionierte perfekt. Die Deutschen gewannen 2:1. Dieser hoch verdiente Sieg gegen die Tschechen war vor allem ein Sieg der Planbarkeit. Das Jahr 2008 aber hat Löw gezeigt, dass die Planbarkeit im Fußball ihre Grenzen hat.

Man kann ein Spiel planen, ein System, eine Taktik, die Struktur einer Mannschaft – eine Hierarchie kann man nicht planen. Die muss sich entwickeln. Mit dem Versuch, aus der horizontalen eine vertikale Personalpolitik zu machen, ist Löw 2008 nicht groß vorangekommen. Seit seinem Amtsantritt hat er personell vornehmlich in die Breite gespielt: 22 Debütanten hat Löw seit dem Sommer 2006 eingesetzt. Nur hat sich die Mannschaft im Vergleich zu 2007 spielerisch nicht entscheidend weiterentwickelt.

"Ich brauche mehrere Leader"

Seine Fehler hat Löw erst nach der EM eingestanden – und er hat einen Kurswechsel vollzogen, den ihm viele nicht zugetraut hätten. Plötzlich verkündete Löw, dass für ihn nur noch das Leistungsprinzip gelte. Im Umkehrschluss heißt das: Vorher galt es nicht. Nachdem Löw die Entwicklung der Mannschaft vor und während der EM nur moderierend begleitet hatte, betonte er nach der EM auffallend oft seine gestalterische Rolle. Er wollte der Mannschaft wieder Impulse verleihen, einen Konkurrenzkampf entfachen und neue Spannung erzeugen. Für viele kam das überraschend. Vor allem für Michael Ballack und Torsten Frings.

Im Oktober, kurz vor seinem Streit mit Ballack, hat Löw gesagt: „Ich brauche mehrere Leader, einer ist zu wenig. Es ist auch nicht möglich, dass ein Spieler über allen steht.“ So einen Satz musste Ballack, der Kapitän der Nationalmannschaft, die überragende Figur, als Angriff auf seine Sonderstellung verstehen.

Wahrscheinlich lag er damit gar nicht so falsch.

Ballack wird bei der WM 2010 knapp 34 sein; dass seine Zukunft als Fußballer begrenzt ist, liegt auf der Hand. Es wäre fahrlässig, hätte Löw nicht zumindest gedanklich schon einmal durchgespielt, wie seine Mannschaft auch ohne Ballack funktionieren könnte. Löw hatte gehofft, dass Spieler wie Bastian Schweinsteiger, Simon Rolfes oder Thomas Hitzlsperger schon so weit seien, ihren Führungsanspruch gegen die Leitwölfe Ballack und Frings zu behaupten. Die 1:2-Niederlage gegen England hat gezeigt, dass das ein Trugschluss war: Ohne Ballack und Frings geht es nicht. Noch nicht. Löw wollte mit seiner Personalpolitik endlich steil gehen, aber die Mannschaft hat ihn in der Luft hängen lassen.

Löw stellt alte Hierarchien infrage

Mit dem Spiel gegen Norwegen beginnt für den Bundestrainer ein entscheidendes Jahr, auch wenn 2009 kein großes Turnier für die Nationalmannschaft ansteht. Löw hat 2008 ganz bewusst alte Hierarchien infrage gestellt, jetzt muss er die Mannschaft neu austarieren. Zu dem Gestalterischen seiner Rolle kommt das Autoritäre. Zwar widerspricht Löw dem Eindruck, er sei kompromissloser geworden, andererseits hat er keine Gelegenheit ausgelassen, seine Führungsrolle zu betonen. „Ich halte mich für einen Trainer, der viel kommuniziert“, hat er im Dezember 2008 gesagt. „Aber wenn der Rahmen, den ich vorgebe, überschritten wird, muss ich einschreiten.“

Das Jahr 2009 wird einige Fragen beantworten. Die vielleicht wichtigste lautet: Wie kann der Bundestrainer den Einfluss von Ballack und Frings schmälern, ohne sie auf dem Weg zur WM 2010 zu verlieren?

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