Nationalmannschaft : Löw drängt Frings in den Ruhestand

Bundestrainer Joachim Löw will den verdienten Nationalspieler Torsten Frings loswerden - indem er ihn ignoriert.

Stefan Hermanns
Frings
Aus dem Blick. Für das Länderspiel in Aserbaidschan hat Bundestrainer Joachim Löw Torsten Frings nicht nominiert.Foto: dpa

Zu den gemeinhin unterschätzten Qualitäten von Fußballprofis zählt ihr diplomatisches Geschick. Die Beherrschung nichtssagender Floskeln gehört zum täglichen Geschäft, aber manchmal braucht man zu ihrer Entschlüsselung nur ein kleines bisschen Fantasie. Michael Ballack hat dieser Tage von einem Telefongespräch mit seinem alten Kumpel Torsten Frings berichtet. Es ging um das Länderspiel in Aserbaidschan, für das der Bremer von Bundestrainer Joachim Löw nicht nominiert worden war. Für Ballack war klar, dass er sich bei Frings meldet, weil „ich weiß, was ihn mit der Nationalmannschaft verbindet“. Details der Unterredung verriet der Kapitän nicht, weder zum Inhalt noch zu Frings Stimmung. Nur so viel: „Dass er enttäuscht ist, das hab ich gemerkt.“

Geflucht wird er haben, geschrieen, gezetert und auf den Bundestrainer geschimpft. Vermutlich passt das Joachim Löw ganz gut in den Kram.

In den elf Länderspielen seit dem EM-Finale im Sommer 2008 war Frings nur zweimal dabei. Gegen Russland wurde er in der 84. Minute eingewechselt, bei der 0:1-Niederlage im Freundschaftsspiel gegen Norwegen stand er in der Startelf und wurde später ausgewechselt. Beim Länderspiel in Aserbaidschan fehlt der Bremer erneut. Für das defensive Mittelfeld hat Löw statt Frings die beiden Stuttgarter Thomas Hitzlsperger und Sami Khedira nominiert. Man kann aus all dem einiges ableiten. Dass Torsten Frings, der alte Wolf, für den Bundestrainer noch eine unentbehrliche Größe ist, ganz sicher nicht. Die Frage ist, wann diese Erkenntnis in Bremen ankommt – und ob Frings daraus die einzig logische Konsequenz zieht.

Es deutet jedenfalls einiges darauf hin, dass Löw den 32-Jährigen mehr oder minder sanft in den Ruhestand drängt. Frings könnte ja sagen: Ich habe eine schöne Zeit in der Nationalmannschaft gehabt, habe viel erlebt, schöne Erfolge gefeiert; aber ich werde im November 33, mein Spiel fordert viel Kraft, deshalb konzentriere ich mich auf Werder Bremen. Doch Frings denkt gar nicht an Rücktritt. Vielleicht will er den Bundestrainer auch ein bisschen ärgern, ihn zappeln und als undankbar dastehen lassen. „Ich habe jahrelang die Knochen hingehalten für das Land“, sagt er. „Ich bin der Meinung, dass ich eine andere Behandlung verdient habe.“

Das Muster ist bei Löw nicht neu. Auch Jermaine Jones, den er für entbehrlich hielt, hat der Bundestrainer nicht aus der Nationalmannschaft geschmissen, er hat ihn nur so lange ignoriert, bis Jones mit seinem übersteigerten Ego gar nicht anders konnte, als seinen Rücktritt zu erklären. Künftig spielt der Schalker für die USA, das Heimatland seines Vaters. Kevin Kuranyi ist ebenfalls von sich aus gegangen, weil er seine Qualität von Löw nicht ausreichend gewürdigt sah. Der Rauswurf nach seiner Flucht in der Pause des Russland-Spiels war quasi nur noch die offizielle Bestätigung durch den Bundestrainer.

Im Vergleich zu Jürgen Klinsmann gilt Löw immer noch als weich und harmoniebedürftig. In Wirklichkeit aber hat er genauso klare personelle Vorstellungen wie sein Vorgänger. Doch während Klinsmann sich vor der WM 2006 im Fall Kuranyi für den großen Knall entschieden hat, bevorzugt Löw die leise Verpuffung. Er will nicht als kalter Killer dastehen, auch nicht bei Torsten Frings. „Ich habe mit ihm 20 Minuten telefoniert, das müsste ich nicht tun“, sagt Löw. Er habe ihm mitgeteilt, wie er die Situation einschätze, und damit, so hat Manager Oliver Bierhoff ergänzt, „muss Torsten sich jetzt erstmal zufrieden geben“.

Tut er das nicht, wird Löw nicht umhin können, den Konflikt à la Klinsmann zu lösen. Vielleicht ergibt sich schon bald eine günstige Gelegenheit. Der Bundestrainer hat bereits vor Monaten angekündigt, dass er sich in der WM-Saison auf einen kleineren Kader beschränken werde als vor der EM 2008. Im September will Joachim Löw den Kreis der Kandidaten benennen. Vielleicht wird Torsten Frings dann endgültig vom Nationalspieler zum Ex-Nationalspieler.

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