Sport : Nationalmannschaft: Matthäus - Libero a.D.?

Michael Rosentritt

Auch der einzig erfreuliche Umstand eines ansonsten verkorksten Abends macht schwer zu schaffen. Wolfgang Niersbach, der Mediendirektor des DFB, hat sichtliche Mühe mit der opulenten Trophäe, die Mehmet Scholl als "Bester Spieler des Spiels" zwischen Deutschland und Rumänien bekommen hat. Es herrscht gedämpfte Stimmung. Keiner kann sich so recht freuen über dieses dürftige 1:1, das, als ob es nicht schlimm genug sei, in Wahrheit den Deutschen auch noch schmeichelt. Erich Ribbeck hatte sich den Vorabend seines 63. Geburtstages anders vorgestellt. Einsam und wortkarg wandelt der Teamchef durch die Katakomben des Stadions von Lüttich, zwei in Zellophanpapier eingewickelte Butterbrote in der Hand.

Sie sind ein wenig durch den Wind in der deutschen Mannschaft. Auch und erst recht Lothar Matthäus. Der ist nach seinem schwunglosen Auftritt so schlecht gelaunt, dass er nicht einmal den ansonsten von ihm gewöhnten Partylöwen spielt. Wieder einmal war Matthäus der Unsicherheitsfaktor. Matthäus weiß, dass es alle gesehen haben, will aber nichts zugeben und verheddert sich in wirren Gedankenkonstruktionen: "Wenn Sie drei Wochen lang im Bett gelegen haben, dann gehen Sie auch nicht bei zehn Grad minus auf die Straße."

Das ist schon richtig, doch der 39-Jährige vergisst dabei, dass niemand anders als er selbst es war und ist, der dem Teamchef immer wieder den Libero Lothar Matthäus aufdrängt. "Ich bin fit", hat er 24 Stunden vorher gesagt, und das reichte Ribbeck. Schließlich hat er Matthäus vor zwei Jahren reaktiviert, in schlechten, sehr schlechten Zeiten und an ihm festgehalten und eine Mannschaft um ihn herum gebastelt. Was vage als Zweckgemeinschaft begann, ist längst zur Schicksalsgemeinschaft geworden. Lothar Matthäus glaubt noch immer stur, Bäume ausreißen zu können, und der Teamchef nimmt ihn mit in jeden Wald.

Noch sagt keiner im Team offen, was alle sehen: Mit Lothar Matthäus ist die Mannschaft nur zweite Wahl. Oliver Kahn dampft nur kurz: "Es geht nicht, dass es so weiter geht." Der Torwart sah sich gegen die Rumänen mehrmals genötigt, als Aushilfs-Libero zu fungieren. Es könne aber nicht sein, dass er an der Strafraumgrenze "Kopf und Kragen riskieren" muss, weil die Absicherung nach hinten fehle. "Komme ich eine Sekunde zu spät, ist es Rot für mich oder Tor für den Gegner." Auch Jens Nowotny, dem viele seiner Kollegen die Rolle des Abwehrchefs zutrauen, sagt vorsichtig: "Einige Sachen haben mir nicht gefallen. Wenn wir noch eine Chance haben wollen, müssen wir jetzt was ändern, auch personell."

Erich Ribbeck hat das gereizte Binnenklima registriert. Allein der angemessene Umgang damit mag ihm nicht gelingen. "Wenn ich jetzt sage, es hat keiner Narrenfreiheit, wird mir das falsch ausgelegt", sagt der Teamchef. "Es gibt keinen Spieler, der immer gesetzt ist. Das heißt aber nicht, dass Lothar Matthäus gegen England nicht spielt." Genau hier sehen die Kritiker des Teamchefs das eigentliche Problem. Ribbeck traut sich einfach nicht, einem Kurs zu entsagen, der mit schlingernd noch höflich umschrieben ist. "Ich bin einfach noch nicht bereit, einzelne Spieler herauszugreifen und über sie herzuziehen." Als Teamchef müsse er sehen, was welcher Spieler leistet. "Und dann muss ich erkennen, welche Seilschaften es in der Gruppe gibt." Im Fall Lothar Matthäus spielen wohl eher dessen sehr spezielle Kontakte zur "Bild"-Zeitung eine Rolle.

Mehmet Scholl und Markus Babbel haben in München lange mit Matthäus zusammengespielt. Sie zählten - und zählen - nicht zu seinen besten Freunden und mahnen personelle Konsequenzen an. Auch Kapitän Oliver Bierhoff spricht von "Löchern in der Abwehr, die uns Sorgen bereitet haben". Intern fordert die Mannschaft ganz offensichtlich einen neuen Abwehrchef. "Jeder darf seine Meinung sagen", sagt Bierhoff, "und dann liegt es am Teamchef, seine Entscheidungen zu treffen".

Heute wollen Mannschaft und Chef ("Ich bin offen für objektive Kritik") sich zusammensetzen. Gestern haben sie noch für ihn gesammelt. Was "hoch Modernes", hätten sie ihm geschenkt, erzählt das Geburtstagskind, einen elektronischen Zeitplaner. Von dem weiß Ribbeck nur, "das er in die Zukunft weist".

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