Nationalmannschaft : Mensch, Lehmann!

Die Fitness und das Verhalten des Nationaltorhüters geben Rätsel auf. Joachim Löw hat einen Aufstand der Frustrierten jedoch erfolgreich im Keim erstickt.

Stefan Hermanns
Lehmann
Hinfallen und immer wieder aufstehen: Über Jens Lehmann wird gerade mal wieder heftig diskutiert. -Foto: AFP

KölnJens Lehmann weiß, wie man drohender Konkurrenz am besten begegnet. Erst hat er seinen potenziellen Widersacher geradezu überschwänglich gelobt: Ein außergewöhnlicher Spieler sei das, sagte Lehmann, gerade für sein Alter, sehr intelligent zudem und daher auf vielen Positionen zu gebrauchen. Dann kam die entscheidende Einschränkung: „Vielleicht nicht als Torwart.“ Da hat Lehmann, der Torwart der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, natürlich noch mal Glück gehabt, dass ihm jetzt nicht auch noch Philipp Lahm den Platz im Tor streitig macht. Der Außenverteidiger ist so etwas wie der Jobhopper der Nationalmannschaft: Er hat links gespielt, rechts und zuletzt im Mittelfeld. Wahrscheinlich würde er auch im Tor eine gute Figur abgeben.

Dass Jens Lehmann Lahms Konkurrenz fürchtet, kann man trotzdem nicht behaupten. Er fürchtet nämlich generell keine Konkurrenz. Lehmann hat sich zwar zuletzt im Mittelpunkt epischer Diskussionen um seine Leistungs- und Zukunftsfähigkeit wiedergefunden, an ihm aber sind die Debatten weitgehend vorbeigegangen. „Ich fühle mich sowohl bei Arsenal gesetzt als auch hier“, sagte der Torhüter, der morgen mit der deutschen Nationalmannschaft in Cardiff das EM-Qualifikationsspiel gegen Wales bestreitet (20.30 Uhr, live im ZDF).

Seit dem 2:1-Sieg der Deutschen gegen England vor zwei Wochen hat Jens Lehmann wegen Problemen am Ellbogen und der Achillessehne nicht mehr gespielt. Im Verein wurde er vom Spanier Manuel Almunia ersetzt, und weil der Deutsche sich vor seiner Verletzung zwei grandiose Fehler erlaubt hatte, waren Äußerungen seines Londoner Trainers Arsène Wenger so gedeutet worden, dass der 37 Jahre alte Torhüter nun dauerhaft seinen Platz verloren haben könnte. „Für mich geht es nicht um Interpretationen, für mich geht es um Fakten. Fragen Sie mich nicht, wie ich ihre Interpretationen interpretiere“, sagte Lehmann. Und weiter: „Ihre ganzen Interpretationen gehen einem so was von auf den Nerv. Arsène Wenger wird mich wieder spielen lassen. Und ich werde bei Arsenal wieder spielen.“

Sicher ist zumindest, dass Lehmann gegen Wales spielt. „Jens hat noch leichte Beschwerden, aber es ist nicht so, dass sie ihn stark behindern“, sagte Bundestrainer Joachim Löw. Sein Assistent Hans-Dieter Flick hatte im Training „einen guten Eindruck“ von Lehmann und dessen Gesundheitszustand gewonnen; anderen Beobachtern aber drängte sich dieser Eindruck nicht unbedingt auf. Lehmann fasste sich mehrmals an den lädierten Ellbogen. „Es zwickt ab und zu mal“, berichtete der Torhüter. „Aber das geht sofort wieder weg.“ Für das Spiel in Cardiff jedenfalls hegt er die Hoffnung, „dass ich da verletzungsfrei rauskomme“.

Wahrscheinlich würde sich Lehmann gegen die Interpretation verwehren, die Sorge um seinen Arbeitsplatz ließe ihn seine Gesundheit aufs Spiel setzen. Zumindest in der Nationalmannschaft kann es nur die Interpretation geben, dass Lehmann das Vertrauen seines Trainers besitzt. Joachim Löw hat seine Loyalität gerade erst wieder bewiesen, als er einen Aufstand der Frustrierten erfolgreich im Keim erstickte. Von interessierter Seite gab es zuletzt den Versuch, der Nation eine neue Torwartdebatte aufzudrängen. Der ehemalige Bundestorwarttrainer Sepp Maier hat sich sogar erblödet, eine Rückkehr von Oliver Kahn ins Spiel zu bringen. Bremens Torhüter Tim Wiese wiederum hätte am liebsten Tim Wiese empfohlen, entschloss sich stattdessen aber lieber zum Rücktritt aus der Nationalmannschaft – vor seinem ersten Länderspiel. „Abschätzig und respektlos“, nannte der Bundestrainer Joachim Löw Wieses Wortbeitrag, vor allem seine negativen Äußerungen über Lehmanns Vertreter Timo Hildebrand und Robert Enke.

Es kann halt nicht jeder Torhüter eine geradezu philosophisch begründete Gelassenheit besitzen wie Jens Lehmann. „Als Torhüter ist es so: Man spielt oder man spielt nicht“, sagte er. Das stimmt wohl, aber das eine lässt sich nun mal leichter ertragen als das andere.

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