Nationalmannschaft : Nach vorne geht noch was

Bundestrainer Löw bleibt seiner Personalpolitik treu: Podolski, Klose und Gomez dürfen stürmen – auch wenn sie in der Bundesliga kaum treffen

Stefan Hermanns[Mainz]
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Torlos bei den Besten. Miroslav Klose (Mitte) und Cacau (r.) haben im Verein noch nicht getroffen, sind in Moskau aber dabei....dpa

Die Trainingseinheit hatte noch gar nicht richtig angefangen, da bekam der kantige Mittelstürmer schon Szenenapplaus. Nicht für einen krachenden Torschuss, einen formvollendeten Fallrückzieher oder ein leichtfüßiges Dribbling. Der kantige Mittelstürmer kniete auf dem Kunstrasen und band sich einfach nur seine Schuhe zu. Oliver Bierhoff lachte, der Manager der deutschen Nationalmannschaft mit Mittelstürmervergangenheit, trug mal wieder Sportzeug, und weil neben ihm Bundestrainer Joachim Löw und dessen Assistent Hans-Dieter Flick in ähnlicher Position im künstlichen Gras hockten, gab das Trio ein geometrisch anspruchsvolles Motiv ab. Die Fotografen am Trainingsplatz dankten – und klatschten. Als Stürmer der deutschen Fußball-Nationalmannschaft braucht es derzeit eben nicht viel, um das Publikum zu begeistern.

Oliver Bierhoff wird am Samstag im WM-Qualifikationsspiel gegen Russland ganz sicher nicht auflaufen, seit mehr als sechs Jahren ist er ohne Spielpraxis, 1962 Tage hat er kein Tor mehr erzielt. Spötter könnten allerdings einwenden: Damit drängt er geradezu in die Nationalmannschaft. Die aktuelle Leistungsbilanz seiner Nachfolger sieht schließlich nur unwesentlich besser aus.

Die vier Stürmer, die Bundestrainer Löw für die Qualifikationsspiele in Russland und gegen Finnland nominiert hat, haben es in der laufenden Bundesligasaison auf gerade vier Tore gebracht. Alle zusammen. Das sind zwei weniger, als Stefan Kießling ganz alleine erzielt hat. Doch selbst diese beeindruckende Quote hat dem Leverkusener keine Berufung in den Kreis der Besten eingebracht. Stattdessen Cacau und Miroslav Klose, die noch gar nicht getroffen haben, Lukas Podolski (ein Tor) und Mario Gomez, dessen Dienste bei den Bayern derzeit trotz immerhin drei Treffern nur bedingt gefragt sind. In den letzten sieben Spielen seines Vereins stand der Multimillionen-Einkauf nur einmal länger als eine Stunde auf dem Platz – im DFB-Pokal gegen den Zweitligisten Oberhausen.

„Diese Phasen gibt es immer mal wieder, in denen die Stürmer in der Liga nicht in Serie treffen“, sagt Bundestrainer Joachim Löw. „Das bereitet mir weniger Sorgen. Fast überhaupt keine.“ Vor einem Monat sah es ähnlich aus: Das Volk rief nach Kießling, Löw ignorierte das Geschrei, und dann traf Gomez gegen Südafrika, Podolski gegen Aserbaidschan und Miroslav Klose gegen denselben Gegner in nur einer Halbzeit gleich zweimal. Von den acht Länderspieltoren dieser Saison haben die Stürmer fünf erzielt. Eine mehr als anständige Quote.

„Unsere Stürmer besitzen enorm große Qualitäten“, sagt Löw, für den nicht die Leistungen in der Bundesliga die entscheidende Bezugsgröße sind, sondern die Leistungen in der Nationalmannschaft. Daher wird Kießling fortwährend übergangen, hat Podolski sich immer wieder seinen Vereinsfrust von der Seele stürmen dürfen und Klose in der Nationalmannschaft mehr als nur einmal seine Torflaute beendet. „Nationalmannschaft und Verein sind zwei Paar Stiefel“, sagt Mario Gomez, der diese Erfahrung auch in umgekehrter Richtung gemacht hat. Weil er beim VfB Stuttgart nach Belieben traf, in der Nationalelf hingegen gar nicht, war schon der Verdacht aufgekommen, dass es wohl zwei Mario Gomeze geben müsse.

Gerade in dieser Phase hat der Stürmer die Segnungen der Löwschen Personalpolitik genießen dürfen. Gomez wurde wieder und wieder eingeladen. „Der Bundestrainer vertraut uns“, sagt er. Auch deshalb kann er der aktuellen Situation mit einer gewissen Leichtigkeit begegnen. Gestern wurde er gefragt, wie nah er denn im Trainingsspiel gegen eine Nachwuchsmannschaft des FSV Mainz einem Torerfolg gekommen sei. „Schon wieder nicht getroffen“, sagte Gomez – und lächelte.

Null zu null sei das geheime Trainingsspiel ausgegangen, berichtete die „Bild“-Zeitung weltexklusiv. Tags darauf verkündete Löws Assistent Hans-Dieter Flick dann allerdings, dass das Wichtigste übersehen worden sei: „Es ist ein Tor gefallen.“ Also doch! Endlich ein Erfolg für die kriselnde Offensive! Den Torschützen könne er leider nicht nennen, sagte Flick. „Es war ein Mainzer. Wir haben 0:1 verloren.“

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