Sport : Nationalmannschaft: Neue Töne für die alten Bekannten

Hartmut Scherzer

Die alten Bekannten hören neue Töne. Laut, klar, bestimmt gibt Michael Skibbe, der neue Trainer, seine Anweisungen zu den Ballübungen. "Pass spielen, Leute." Einen anderen Umgangston in der deutschen Fußball-Nationalmannschaft führt Rudi Völler ein, der neue Teamchef, der allein das Sagen hat. "Die Spieler müssen wieder miteinander reden." Und nicht übereinander herziehen. Das habe er ihnen zu verstehen gegeben. Nur dann könne auch wieder Teamgeist einkehren. Vor dem Doppelpass sind dazu Doppelzimmer sehr nützlich, die sich in der niedersächsischen Sportschule Barsinghausen die Spieler wieder teilen. Jegliche Misstöne verbittet sich künftig Karl-Heinz Rummenigge, der Sprecher der neuen so genannten "Task Force" ("Ich habe keinen Titel"), der bei jedem Länderspiel dabei sein wird. "Negative Äußerungen über Trainer, Mitspieler und Taktik müssen in Zukunft ein Tabu sein." Ordnung, Disziplin und Seriösität seien die Grundvoraussetzung für eine funktionierende Mannschaft und ein tägliches Miteinander.

Über die neue Stimmung wollte sich Oliver Bierhoff, der Kapitän, nicht weiter äußern. Zu oft war ihm in der Vergangenheit über gutes Betriebsklima geredet worden. Und am Ende herrschte eine Missstimmung wie bei dem blamablen Auftritt während der letzten Europameisterschaft. Dennoch: Nun soll alles besser werden. Erstmals seit dem Debakel von Rotterdam, dem 0:3 gegen Portugal und dem vorzeitigen Ausscheiden bei der EM, ist die Nationalmannschaft in alter Besetzung, aber unter neuer Führung wieder zusammen. Mit dabei waren Bierhoff und Christian Ziege, obwohl beide noch nicht wieder einsatzfähig sind.

Morgen beginnt in Hannover also mit dem Spiel gegen Spanien wieder einmal eine neue Ära, die dritte innerhalb von zwei Jahren nach Berti Vogts und Erich Ribbeck. Völler, in den nächsten zehn Monaten Platzhalter des designierten Bundestrainers Christoph Daum, hatte in seiner Antrittsansprache vor der Mannschaft erst die Vorfälle während und nach der EM angesprochen und dann das traurige Kapitel abgeschlossen. Schon in knapp drei Wochen steht das erste WM-Qualifikationsspiel gegen Griechenland an. Rudi Völler, der Weltmeister von 1990, ist angetreten, aus Verlierern wieder Sieger zu machen. Den Charakter dazu hat er eingefordert, die Taktik und das System vorgegeben. "Wir spielen hinten mit einer Dreierkette ohne klassischen Libero, mit vier Mann im Mittelfeld und drei Spitzen." Die Aufstellung habe er schon im Kopf. Nur bei ein, zwei Positionen sei er sich noch nicht hundertprozentig sicher.

In sonniger Urlaubsidylle absolvierten die verhöhnten EM-Versager ihre erste Trainingseinheit unter der neuen Führung. Anderthalb Stunden lang. Skibbe war der lautstarke Chef auf dem Platz. Völler stand gelassen, manchmal fast gelangweilt abseits. Der Trainer leitet das Training, die Entscheidungen aber trifft allein der Teamchef. So war es schon bei Franz Beckenbauer. "Das war kein Larifari-Training nach einem Bundesliga-Spieltag", stellt Völler nach 90-minütiger Arbeit zufrieden fest. Skibbe schaffte die Hütchen ab und die technische Grundschule ein: "In der Bewegung den Ball mit dem einen Fuß annehmen und mit dem anderen weiterspielen." Als wollte Skibbe den Nationalspielern ihre technischen Defizite aufzeigen, ließ er in Dreiergruppen Direktspiel üben. Mancher hatte so seine Schwierigkeiten. Aber die deutsche Nationalmannschaft soll ja nach Völlers Vorstellungen nicht von heute auf morgen zaubern wie die Brasilianer, sondern nur Siegeswillen und Kampfgeist zeigen. "Wer sich nicht quält, hat keine Chance."

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