Nationalmannschaft : Neuer, Boateng, Hummels - wer wird der neue Kapitän?

Nach der titellosen EM tritt Bundestrainer Joachim Löw bemerkenswert routiniert zur WM-Mission an. Wer der neue Kapitän der Nationalelf wird, will er erst nach dem Finnland-Spiel bekanntgeben.

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Ist da überhaupt Koffein drin? Joachim Löw zeigte sich am Montag eher unaufgeregt. Foto: dpa/Gambarini
Ist da überhaupt Koffein drin? Joachim Löw zeigte sich am Montag eher unaufgeregt. Foto: dpa/GambariniFoto: dpa

Eine wichtige strategische Entscheidung hat Bundestrainer Joachim Löw vor dem Test-Länderspiel gegen Finnland schon getroffen. Die Kapitänsfrage ist beantwortet. Wobei: Von einer bewussten Entscheidung kann man eigentlich nicht sprechen. Wer am Mittwoch in Mönchengladbach die Binde tragen wird, das hat sich im Grunde selbst entschieden. Da die Begegnung mit dem Slogan „Danke Basti“ beworben wird und Bastian Schweinsteiger nach seinem Rücktritt aus der Fußball-Nationalmannschaft noch sein 121. Länderspiel bestreiten darf, wird er natürlich auch als Kapitän auflaufen. Wer ihn beerben wird, das will Joachim Löw erst nach dem Spiel bekanntgeben.

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Manuel Neuer, Sami Khedira, Jerome Boateng und Mats Hummels sind die aussichtsreichsten Kandidaten. Alle vier sind sportlich unumstritten, Führungsspieler und im Team akzeptiert. Da kann der Bundestrainer eigentlich gar nichts falsch machen. Zumal Löw sagt, ihm sei es wichtig, mehrere Ansprechpartner zu haben. Auch deshalb wird der fußballerisch unantastbare Toni Kroos für Schweinsteiger in den Mannschaftsrat aufrücken. Wer dann letztlich die Binde tragen darf, „dieses Thema ist für mich nicht so dominant“, sagt der Bundestrainer. Anders als für die Öffentlichkeit. Aber von deren Erwartungen hat sich Löw, der Weltmeistertrainer, mehr und mehr frei gemacht.

Das gilt auch für die Aufarbeitung der Europameisterschaft. 53 Tage sind seit dem Halbfinal-Aus gegen den Gastgeber Frankreich vergangen, genug Zeit eigentlich für eine tiefere Analyse der Niederlage, für ein paar fachliche Erkenntnisse aus dem Turnier, gerade mit Blick auf die Zukunft. Vor vier Jahren, als die Deutschen ebenfalls im Halbfinale ausgeschieden waren, hob Löw bei seinem ersten öffentlichen Auftritt danach zu einer groß angelegten Verteidigungssuada an. Allein sein einleitender Monolog dauerte damals 25 Minuten. Am Montag in Düsseldorf war die Pressekonferenz nach gerade mal 20 Minuten beendet. Das mag auch damit zusammenhängen, dass das Abschneiden in Frankreich allgemein als ganz okay empfunden worden war – anders als vor vier Jahren das Aus gegen Italien.

„Diese EM hat jetzt keine Revolution gebracht“, sagt Löw. Beim Abschied aus Frankreich hat er seinen Assistenten noch aufgetragen, jeder von ihnen möge einmal für sich die EM analysieren – aber bitte: keine Eile. Die Hausarbeiten seiner Mitarbeiter sind noch nicht ausgewertet, die Ergebnisse noch nicht synchronisiert, so dass es eine abschließende Beurteilung der vor sieben Wochen zu Ende gegangenen EM erst irgendwann im Herbst geben wird. Fürs Erste kann der Bundestrainer immerhin sagen, dass die Chancenverwertung besser werden und seine Mannschaft wieder schneller umschalten muss.

Bei Joachim Löw war es schon immer so, dass er nach einem Turnier in ein schwarzes Loch fällt und für mehrere Wochen von der Bildfläche verschwindet. Er muss dann erst alle Systeme wieder neustarten. Das war auch in diesem Sommer so, obwohl im Deutschen Fußball-Bund einige strategische Entscheidungen anstanden und die U 23 bei Olympia immerhin Silber gewann. Der oberste Trainer im Verband aber scheint sich dabei mit der Rolle des stillen Beobachters begnügt zu haben.

Wenn man Löws Worten glauben darf, hatte er zum Beispiel keinerlei Einfluss auf die Besetzung der Trainerstelle für die U 21. Die Berufung von Stefan Kuntz, der mehr als ein Jahrzehnt ausschließlich als Manager gearbeitet hatte, hat viele überrascht – verstanden haben sie nur wenige. „Es ist eine gute Entscheidung“, findet Löw, obwohl sich sein Urteil über den Nachfolger von Horst Hrubesch vor allem aus dem gemeinsamen Kurz-Trainerlehrgang im Jahr 2000 speist. Persönlich gesprochen hat Löw den neuen U-21-Trainer in jüngster Vergangenheit nicht.

Man kann das als uneingeschränkten Vertrauensbeweis für den treuen Hansi werten, für Löws ehemaligen Assistenten Hans-Dieter Flick, der jetzt als Sportdirektor in der Personalverantwortung steht; man darf das aber auch ruhig für seltsam halten. Die U 21 ist die zweitwichtigste Mannschaft im Verband, sie ist die Schnittstelle zwischen Nachwuchs und Profis, an der es in der Vergangenheit aufgrund unterschiedlicher Auffassungen immer wieder zu Reibungen gekommen ist. Wäre es da nicht sinnvoll, dass der Bundestrainer zumindest mal nachfragt, welche Ideen der neue Mitarbeiter eigentlich hat?

Die U 21 ist ein wichtiger Zulieferer für die A-Nationalmannschaft. In naher Zukunft könnte sie sogar noch wichtiger werden. Löw will mit Blick auf die WM in Russland vermehrt Talente mit Perspektive heranführen, unter anderem beim Confed-Cup im kommenden Sommer. Da wird Löw möglicherweise mit Stefan Kuntz klären müssen, welcher Spieler mit nach Russland soll und welcher bei der zur selben Zeit stattfindenden U-21-EM in Polen antritt. „Es gibt einige Spieler, bei denen ich glaube, dass sie in den nächsten zwei, drei Jahren eine wichtige Rolle spielen können“, sagt der Bundestrainer.

Gegen Finnland sollen wenigstens die drei Olympiateilnehmer Julian Brandt, Max Meyer und Niklas Süle vorspielen dürfen. Der Hoffenheimer Süle ist allerdings der einzige Debütant im Kader. Joachim Löw hat – inklusive Bastian Schweinsteiger – 19 EM-Teilnehmer nominiert. Lukas Podolski ist leider verletzt. Er soll im März 2017 bei einem Testspiel einen würdigen Abschied erhalten.

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