Nationalmannschaft : Torsten Frings: Der Kämpfer hielt durch

Als Torsten Frings im Halbfinale gegen die Türken eingewechselt wird, hilft das der deutschen Mannschaft. Weil Frings ein Spieler ist, der mitreißen kann - trotz einer gebrochenen Rippe

Michael Rosentritt[Basel]
Frings kämpft Foto: ddp
Der Kämpfer. Torsten Frings hielt am Mittwoch durch.Foto: ddp

Torsten Frings ist ein Mann der Tat, nicht des Trubels. Irgendwann, als die Tänzchen seiner Mitspieler nach dem Halbfinalsieg auszuufern drohten, drehte Frings bei und verließ die Jubeltraube festen Schrittes. Dabei spuckte „Lutscher“, wie er liebevoll von seinen Mitspielern genannt wird, einmal kräftig auf den Rasen. Das war so etwas wie sein letztes Wort. Dann kontaktierte er auf Höhe der Ersatzbank das Ärztekollektiv der deutsche Elf. Es flogen Hände auf seine Schultern, er nickte. Die Rippe hatte gehalten – und wie!

Die Rippe von Torsten Frings ist nicht irgendeine. Wenn man den Berichten der vergangenen Tage Glauben schenkt, ist die Rippe des Bremers so etwas wie die Schwachstelle der deutschen Fußballnation. Ohne Unterlass wurde darüber debattiert, ob er würde spielen können, ob es sich die deutsche Elf überhaupt leisten kann, einen wie ihn draußen zu lassen? Ob also ein Dreiviertel-Frings nicht immer noch besser sei als sein Back-up-Paar Simon Rolfes/Thomas Hitzlsperger?

Gegen die Türkei stand Torsten Frings nicht in der Startelf. Diese Botschaft sauste eine Stunde vor Spielbeginn durch den Basler St.-Jakob-Park wie eine Drohung. „Der Trainer und ich sind zu dem Schluss gekommen, dass es eben noch keinen Sinn macht“, erzählte Frings gegen Mitternacht. „Ich meine, ich habe einen Rippenbruch, da brauchen wir nicht drüber zu diskutieren. Der Trainer hat aber auch gesagt, dass ich mich bereithalten soll für den Notfall.“ Der Notfall trat dann sehr viel früher ein als geplant. Es war ein doppelter Notfall. Zum einen hatte Rolfes nach einem Kopfballduell einen tiefen Cut unterhalb der linken Augenbraue erhalten, der während der zweiten Halbzeit in der deutschen Kabine mit sechs Stichen genäht wurde. Zum anderen fehlten der Mannschaft Sicherheit, Ordnung und vor allem Aggressivität. Frings übernahm seine angestammte Position im zentralen, defensiven Mittelfeld und „erfüllte seine Aufgabe gewohnt gut“, befand der Bundestrainer hinterher. Es hörte sich an, als würde Joachim Löw darüber reden, ob er nun lieber den linken oder rechten Strumpf zuerst anzieht. Bei Michael Ballack etwa klang es so: „Er war bissig. Wir haben vorher das Gefühl gehabt, dass alle immer einen Schritt zu spät kommen. Er hat Zeichen gesetzt, das war ganz wichtig.“ Tatsächlich gelangen Frings wichtige Zweikampfgewinne.Er stand meist im Zentrum des Geschehens, oft war er es, der sich in den gerade Ball führenden Spieler warf. Das zwar mit Rippenschutz, aber ohne lokale Betäubung. In der Früh habe er lediglich eine Schmerztablette eingeworfen. „So, wie ich das ja schon seit einer Woche mache“, bemerkte er lakonisch. Noch vor wenigen Tagen war es undenkbar, dass die Deutschen es ohne Frings bis ins Finale bringen könnten. Der Bremer ist so etwas wie das physische Gewissen der Mannschaft, ein Kämpfer, ein Antreiber. Dass er sich im Spiel gegen Österreich den Rippenbruch zuzog, wurde als schwerwiegende Schwächung für das Team gedeutet.

„Er war schon enttäuscht“, berichtete Löw gestern über sein Gespräch, das er mit Frings vor dem Halbfinale geführt hatte. Der 31-Jährige hätte ja schon das WM-Halbfinale verpasst wegen einer Sperre und nun dieser Rippenbruch. „Damit ist ja nicht zu spaßen“, sagte Löw monoton. Doch dann hob er plötzlich seine Stimme. Denn nun erzählte der Bundestrainer von einer anderen, sehr bemerkenswerten Begebenheit vor dem Spiel gegen die Türken. Frings sei nämlich noch einmal an seine Tür zurückgekommen. „Er wollte mir noch etwas sagen.“ Dazu Frings: „Ich habe zu ihm gesagt: Trainer, wenn ich Trainer wäre, hätte ich mich auch nicht aufgestellt. Vielleicht kann ich besser helfen, wenn ich später ins Spiel komme.“

Joachim Löw war anderntags noch sichtlich beeindruckt von dieser anderen, weitgehend unbekannten Seite seines Führungsspielers. „Das war von ihm charakterlich einwandfrei“, sagte Löw, „da hat er wirkliche Größe gezeigt.“

Torsten Frings schob am Mittwochabend in den Katakomben des Basler Stadions sein verkehrt rum aufgesetztes Käppi zurecht und nahm einen Schluck aus der Wasserflasche. Dann sagte er, dass er die Tage bis zum Finale gut gebrauchen könne. Auf die Frage, ob er am Sonntag in Wien auflaufen werde, antwortete der alte Kämpfer in ihm: „Ich würde sagen: Test bestanden. Da gehen wir mal davon aus, dass ich spielen werde.“

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