Nationalmannschaft : Und sie treffen doch

Mit altem Personal offenbart die Fußball-Nationalmannschaft ungeahnte Qualitäten in der Offensive. Bei der EM vor drei Jahren wurden viele Spieler vom Publikum noch verhöhnt.

Stefan Hermanns[Hannover]
Nationalelf
Der Druck steigt. Weil es im Sturm Alternativen gibt, müssen sich Podolski (l., neben Lehmann) und Gomez ständig neu beweisen. -Foto: dpa

In der populären Geschichtsschreibung ist es eine ebenso beliebte wie sinnlose Frage: Was wäre gewesen, wenn…? Kann ein kleines Detail wirklich den großen Verlauf der Geschichte verändern? Was wäre also gewesen, wenn Miroslav Klose am 19. Juni 2004, im EM-Spiel gegen Lettland, kurz vor Schluss den Ball unbedrängt ins Tor geköpft hätte und nicht Richtung Eckfahne? Wenn die deutsche Fußball-Nationalmannschaft dadurch 1:0 gewonnen und das Viertelfinale erreicht hätte? Vielleicht hätte es die Bundestrainer Jürgen Klinsmann und Joachim Löw nie gegeben, die konzeptionelle Neuausrichtung der Nationalmannschaft ebenso wenig. Und Kloses Aufstieg zum Weltklassestürmer auch nicht. Es hört sich paradox an: Aber dass die deutsche Nationalmannschaft ihre Offensivkraft neu entdeckt hat, wäre ohne die Schwäche ihrer Offensivkräfte bei der EM 2004 wohl nicht möglich gewesen.

„Wir haben in den vergangenen Jahren im Sturm deutlich an Qualität gewonnen“, sagt Löws Assistent Hans-Dieter Flick. Erstaunlich ist das vor allem deshalb, weil die handelnden Personen weitgehend dieselben sind, die vor dreieinhalb Jahren für ihr täppisches Auftreten verhöhnt wurden. Miroslav Klose, Kevin Kuranyi und Lukas Podolski zählten schon 2004 zum EM-Aufgebot, bewirkt haben sie in Portugal so gut wie gar nichts. Zwei Tore schossen die Deutschen in ihren drei Gruppenspielen, beide wurden von Mittelfeldspielern (Frings und Ballack) erzielt.

Die neue Offensivstärke der Nationalmannschaft ist nicht nur eine Frage individueller Qualität, sie ist vor allem das Ergebnis ihres neuen Spielstils. Zu Zeiten des Teamchefs Rudi Völler war Michael Ballack noch der mit Abstand torgefährlichste Spieler. Das lag zum einen an Ballacks besonderen Fähigkeiten, war aber auch ein Indiz für die fehlerhafte Justierung des deutschen Spiels. Erst Klinsmann und Löw haben die natürliche Ordnung innerhalb der Mannschaft wiederhergestellt. Das Spiel ist stärker darauf ausgerichtet, Offensivaktionen zu kreieren und die Angreifer in Position zu spielen: Das Mittelfeld bereitet die Tore vor, die Stürmer schießen sie.

Zumindest bekommen die Stürmer mehr Möglichkeiten als früher. Und auch wenn die Deutschen zuletzt zweimal ohne Tor geblieben sind, gestaltet sich die Situation im Angriff für den Bundestrainer so komfortabel wie lange nicht mehr. „Es ist in der Tat spannend“, sagt Mario Gomez vom VfB Stuttgart. „Der Trainer hat wieder eine Wahl.“ Stand heute gelten für die EM vier Plätze im Sturm als vergeben: an Klose, Kuranyi, Podolski und an Gomez. Dahinter rangeln vier weitere Kandidaten – um höchstens zwei, vielleicht sogar nur einen Platz. „Der Wettbewerb steht über allem, auch über der Harmonie“, sagt Joachim Löw. „Für die Spieler bedeutet dies einen gewissen Druck, nie nachzulassen.“

Zu den Länderspielen gegen Zypern (morgen, 20.15 Uhr, live im ZDF) und gegen Wales (Mittwoch) hat Löw – erstmals nach langer Pause – Mike Hanke und Oliver Neuville eingeladen, Patrick Helmes und Stefan Kießling blieben diesmal außen vor. Das kann ihnen auch bei der EM passieren, vielleicht aber erwischt es dann Hanke und Neuville. „Die Situation ist natürlich hart“, sagt Hanke. „Aber es ist gut, dass es so einen Riesenkonkurrenzkampf gibt. Dadurch werden wir uns weiter entwickeln.“

Besonders hart wird es, wenn Löw wie Klinsmann nur fünf echte Angreifer in sein Aufgebot beruft. Der sechste wäre damals Kevin Kuranyi gewesen, doch der verlor seinen Platz in letzter Minute an David Odonkor, einen Grenzgänger zwischen Mittelfeld und Sturm. Odonkor sollte mit seiner Schnelligkeit eine zusätzliche Qualität in den deutschen Kader einbringen. Es ist zumindest nicht ausgeschlossen, dass auch Löw dieses Element für notwendig erachtet und eine Planstelle im Sturm einspart: für David Odonkor, einen Spieler, der mit seinen speziellen, aber auch sehr beschränkten Mitteln auf gewisse Weise konkurrenzlos ist.

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