Nationalmannschaft : Von Spektakel und Debakel

Die Deutsche Nationalelf kann famosen Fußball spielen. Doch die Balance zwischen Angriff und Abwehr stimmt nicht mehr. Eine Analyse.

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Der Anfang der Unsicherheit. Johan Elmander trifft beim Spiel seiner Schweden gegen Deutschland im Herbst des letzten Jahres zum 3:4-Anschlusstreffer. Am Ende gelingt den Skandinaviern noch der Ausgleich – nach einem 0:4-Rückstand. Es war eine desolate zweite Halbzeit von Badstuber (l.), Torhüter Neuer, Boateng und ihren Kollegen. Foto: p-a/dpa
Der Anfang der Unsicherheit. Johan Elmander trifft beim Spiel seiner Schweden gegen Deutschland im Herbst des letzten Jahres zum...Foto: picture alliance / dpa

Neulich, nach dem Länderspiel gegen Paraguay, hat Manuel Neuer gesagt: „Vielleicht müssen wir erst einmal wieder lernen, zu null zu spielen.“ Da hatten der Nationaltorwart und seine Mannschaft gerade drei Gegentreffer von einem Team serviert bekommen, das im Mittelmaß der Weltrangliste klemmt. Es war nur ein Testspiel und das 3:3 nur ein Ergebnis, aber die Geschehnisse der vergangenen Länderspiele fügen sich für die deutsche Elf längst zu einem bösen Trend. Die Botschaft, die das letzte Dutzend Spiele sendet, lautet: Die Deutschen können nicht mehr verteidigen.

Man weiß momentan gar nicht, was eigentlich schlimmer ist: die Zeiten des Rumpelns, als der deutsche Fußball mit einem 1:5 gegen England ein historisches Tief erlebte und das Boulevardblatt „Daily Mirror“ sich dazu veranlasst sah, eine Todesanzeige abzudrucken: „In herzlichem Gedenken an den arroganten, sterilen, Elfmeter verwandelnden, verdammt lästigen deutschen Fußball, der am 1. September 2001 im Münchner Olympiastadion verstarb.“ Also als ein talentfreies Deutschland zu einer Lachnummer des Weltfußballs zu verkommen schien. Oder eben jetzt, da ein neues Deutschland zwar durch lauter feinfüßige Spieler wieder so verwegen Tore erzielen kann, aber selbst gegen Laufkundschaft ins Wanken gerät.

Was ist los mit der wichtigsten deutschen Mannschaft?

Bundestrainer Joachim Löw hat eine nie dagewesene Ansammlung begabter Spieler zur Verfügung. Niemand wird ernsthaft bezweifeln (erst recht nicht in England), dass es sich bei Spielern wie Özil, Götze, Müller, Reus und Kroos um Kreative der Luxusklasse handelt, die in ihrer Qualität und Quantität selbst jene in den Schatten stellen, die die Fußballwelt Anfang der siebziger Jahre aus den Angeln hoben. Das Gros der Nationalmannschaft kommt vom FC Bayern und Borussia Dortmund, die gerade in Wembley den wichtigsten internationalen Klubtitel unter sich ausmachten. Dazu Legionäre von Real Madrid, dem FC Arsenal, dem FC Chelsea und Lazio Rom. Mehr geht nicht.

Was läuft falsch? Ist die von Löw ausgegebene offensive Spielphilosophie reformbedürftig? Folgt die Mannschaft ihr oder gar dem Trainer nicht mehr? Liegt das Problem im personellen Gefüge?

In weniger als einem Jahr findet die WM in Brasilien statt, dem Sehnsuchtsort aller Fußballästheten, dem Land des schönen, berauschenden und kunstvollen Spiels. Löws Mannschaft kann diesem Anspruch gerecht werden. Sie ist in der Lage, gegen jedes Spitzenteam der Welt zu bestehen und es auch zu schlagen. An guten Tagen. An solchen Tagen kann sie brasilianischer als Brasilien spielen und holländischer als Holland, wie die letzten Duelle mit den beiden Fußballgrößen gezeigt haben. Aber reicht das zum Titel? Die Zweifel halten sich. Vor allem, wenn die guten Tage weiter zurückliegen als die weniger guten. Das sind dann Tage, an denen dieselbe Mannschaft von einer inneren Unruhe befallen scheint und bisweilen bei kleinsten Unwägbarkeiten oder Widerständen überfordert wirkt.

Offensichtlich ist auch, dass sie nicht mehr ihr mitreißendes Spiel aus den Jahren 2010 und 2011 erreicht. Vielmehr wirkt der fade Eindruck der vorigen EM nach. Dort war die Mannschaft nie in Schwung gekommen und konnte sich während des Turniers nicht mehr steigern, was sonst immer traditionell deutsche Turniermannschaften auszeichnete. Schließlich schied sie gegen eine italienische Mannschaft aus, die allen als schlagbar galt.

Die folgenden Spiele, insbesondere aber der Ohnmachtsanfall beim 4:4 (nach 4:0-Führung) gegen Schweden im Herbst vorigen Jahres, haben eine Diskussion ausgelöst, die die deutsche Mannschaft samt Führung so gar nicht für möglich hielt. Allein im Länderspieljahr 2013 hat die deutsche Elf in sechs Spielen elf Gegentore kassiert. Das macht nachdenklich. Die dringlichste Frage lautet daher: Wie wird das defensive Problem behoben? Zu begutachten schon am Freitag im Spiel gegen Österreich.

Gerade erst hat der Bundestrainer wieder seine Vorliebe für das offensive und damit auch riskantere Spiel betont. Die Denkweise seines Teams ist ausschließlich in die Offensive gerichtet. „Ich persönlich liebe es über alles, offensiv zu spielen. Ich liebe das Risiko.“ Welcher Fan teilt das nicht?

Doch wie viel Fan darf ein Trainer sein? Oder anders ausgedrückt: Wie viel Offensive verträgt eine Defensive? Gilt trotz aller Entwicklung hin zu abkippenden Sechsern und falschen Neuern mehr denn je der alte Spruch, wonach die Offensive zwar Spiele gewinnt, die Defensive aber Titel? Auf die deutsche Mannschaft übertragen hieße das: Der Überfluss an hochbegabten Offensivspielern führt zu einem Ungleichgewicht im Gesamtgefüge.

Das hat auch Löw erkannt, nur sind keine Fortschritte erkennbar. Es fehlt dem Team an einem inneren Gleichgewicht aus Begabung und Bewahrung, es fehlt an der Mischung aus Überschwang und Stabilität, aus Sinnlichkeit und Stringenz. Es geht um die goldene Mitte aus Wagemut und Statik. Derzeit pendelt sie zwischen Spektakel und Debakel.

Löw und sein Team können sich rühmen, immer neue Hochbegabte, die die Nachwuchszentren herausbringen, integriert zu haben. Inzwischen zählen Spieler wie Reus und Gündogan, die bei der vorigen EM noch Ersatz waren, zum festen Bestandteil der Mannschaft. Veranlagte Kreativspieler, die technisch bestens geschult sind und jeder Mannschaft dieser Welt gut zu Gesicht stünden. Nur ab wann machen solche Spieler eine Mannschaft besser und wann nicht mehr? Es geht also auch um die Frage, wer zu wem passt.

Dieser Mannschaft fehlt ein Titel, ein anerkannter Beleg ihrer unbestreitbaren Qualität. Der FC Bayern hat eben diesen Beleg erbracht, hat Gewissheiten geschaffen – so ist das nun mal im Fußball. Borussia Dortmund war dicht davor. Und genau das hat Auswirkungen auf die Nationalelf, die sich vorrangig aus Spielern dieser Klubs speist. Müsste es Löw nicht gelingen, daraus logischerweise eine Titelmannschaft zu formen?

Der Bundestrainer hat diese Mannschaft wieder in die Weltspitze geführt, und doch muss er sich immer mehr rechtfertigen. Es ist noch gar nicht so lange her, da galt die Nationalmannschaft als stilbildend – für andere Nationen, aber gerade auch für die deutschen Großklubs. Bei der WM 2010 rauschte die jüngste deutsche Elf nur so durchs Turnier und überrollte mit ihrem frischen und frechen Spielstil erst England und dann Argentinien. Doch jedes Turnier, das diese begabte Mannschaft nicht als Sieger verließ, hat die Zweifel wachsen lassen.

Inzwischen sind es andere Teams, die den Ton angeben. Dortmund etwa. Die Borussia hat durch zwei Meisterschaften und famose Auftritte in der Champions League für Furore gesorgt. Der Triplesieger aus München sowieso. Diese Erfolge haben die Nationalspieler aus beiden Klubs geprägt. Nicht nur spieltaktisch, sondern auch in ihrem Bewusstsein: Aus den Talenten von einst sind selbstbewusste internationale Stars geworden, was bis vor kurzen fast nur über die Nationalelf gelang. Und ganz nebenbei haben sie im Klub die Erfahrung gemacht, dass auch schöner, offensiver Fußball erfolgreich sein kann.

Das macht es für den Bundestrainer nicht nur einfacher. Zumal sich mancher fragt, weshalb Spieler X in seinem Verein besser spielt als in der Nationalelf. Joachim Löw ist längst nicht mehr über jeden Zweifel erhaben. Es wird ihm gelingen müssen, eine in sich stimmende und ausbalancierte Mannschaft zu formen. Dafür muss er nicht seine Spielauffassung infrage stellen, sie aber hinterfragen. Seine Aufgabe wird darin bestehen, eine ausgewogene Besetzung aufzubieten und die Erfahrungen und Auffassungen der Spieler beider großen Blöcke neu zu moderieren.

Jupp Heynckes hat nach der verlorenen Meisterschaft und dem verlorenen Champions-League-Finale 2012 genau zwei Veränderungen im Teamgefüge des FC Bayern vorgenommen. Er hat der Mannschaft ein neues, ausgeprägteres Gefühl für die Defensive eingeimpft. Und er hat mit dem Zukauf von Javier Martinez als Partner für Bastian Schweinsteiger jene Region im Zentrum gestärkt, die den Druck auf die Abwehrkette zu senken hilft. Martinez denkt zu allererst defensiv, gerade bei Pässen in die Spitze. Dieses Denken und seine wache Präsenz machen das Zentrum sicherer, was bedeutsam ist, wenn man bedenkt, dass ein Abwehrverbund wie ein zum eigenen Tor hin umgekippter Trichter zu funktionieren hat. Wenn das Zentrum (Trichterspitze) dicht ist, werden die Angreifer automatisch weiter an den Rand gedrängt, von wo die Verletzbarkeit des eigenen Tores proportional abnimmt. So oft das Spiel über die Flügel gefordert werden mag, die meisten Tore entstehen heute durch die Mitte.

Oder anders ausgedrückt. Durch einen Tick mehr an Defensive sind die Bayern gefährlicher geworden. Denn auf einer belastbaren wie verlässlichen Absicherung lässt sich das Offensivspiel gefahrloser und damit lustvoller entfalten.

Oft sind es Kleinigkeiten, die Großes bewirken. Wer also ist der Martinez der Deutschen? Die personelle Lösung des Problems könnte einer der beiden Bender-Zwillinge sein: Sven aus Dortmund oder Lars aus Leverkusen. Neben den ganzen Fußballästheten, die sich im deutschen Mittelfeld tummeln, wirken sie eher wie Fußballsoldaten. Und das ist vielleicht das größte Kompliment: Denn sie tun, was getan werden muss – alles schön im Gleichgewicht halten.

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