Nationalmannschaft : Wembley bleibt in England

In Deutschland gibt es kein Nationalstadion – anders als in England spielt die Nationalelf mal hier, mal da. Wieso eigentlich?

Sven Goldmann
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Schwarz-Rot-Gold nur zu Besuch. Die Nationalelf spielt nur selten im Olympiastadion. Zum Beispiel heute gegen England.Foto: dpa

In Berlin? Ja, wo sollen wir denn sonst gegen die Deutschen spielen, sagen die Engländer. Für die Erfinder des neuzeitlichen Fußballs war es nicht mehr als eine Selbstverständlichkeit, dass der Klassiker gegen ihren Lieblingsgegner in Berlin steigt, im Olympiastadion, einer der berühmtesten Arenen der Welt. Den Engländern sind Länderspiele seit jeher Hochämter des Fußballs, die einen besonderen Rahmen brauchen. Diesen Rahmen lassen sie sich gern einiges kosten. Dass der englische Fußball-Verband FA mit knapp 500 Millionen Euro verschuldet ist, verdankt er vor allem dem Neubau von Wembley, des englischen Nationalstadions im Nordwesten Londons. Wembley ist Schauplatz des Pokalfinales und sämtlicher Heim-Länderspiele der Nationalelf, und es lässt sich schwerlich ein Engländer finden, der daran etwas auszusetzen hat.

Auch das Berliner Olympiastadion ist vor vier Jahren mit hohem finanziellen Aufwand umgebaut worden. Aber die Idee, aus der Arena ein Nationalstadion nach englischem Vorbild zu machen, ist beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) kein Thema. „Das passt nicht zum föderativen Charakter unseres Verbandes“, sagt Georg Behlau, der Büroleiter Nationalmannschaft beim DFB. Das ist diplomatisch formuliert und lässt sich vielleicht so interpretieren, dass die einflussreichen Landesverbände sehr wohl darauf achten, wie weit sie vom Glanz der Nationalmannschaft profitieren. Symbolisch und finanziell, denn die Ausrichtung eines Länderspieles hat sich noch nie negativ auf die Wirtschaft vor Ort ausgewirkt.

Von Grönland bis nach Uruguay spielen viele Nationalmannschaften immer auf dem selben Rasen

Immerhin ist das Berliner Olympiastadion seit bald 25 Jahren durch die ständige Vergabe des Pokalfinales so etwas wie ein halbes deutsches Wembley. Die Liste der echten Nationalstadien ist lang, sie umfasst Perlen wie das Stade de Beaumer in Monori auf den Komoren, ein Stück Rasen mit Zaun drum. Oder das Nuuk-Stadion in der gleichnamigen Hauptstadt Grönlands, gebaut für 2000 Freunde des runden Balles im ewigen Eis. Viele kleinere Länder sind schon mal aus logistischen Gründen dazu gezwungen, in ihrer Hauptstadt zu spielen, weil sie kein anderes Stadion besitzen, das internationalen Standards genügt. In anderen Länden verlangt es die Tradition, dass ihre Nationalteams fast immer im selben Stadion spielen. Uruguay im Centenario, Brasilien im Maracana, Argentinien im Monumental. Auch die Österreicher haben aus erfolgreicheren Tagen nur eines in die eher trostlose Gegenwart hinüber gerettet: die Gewohnheit, ihre Heimspiele im nunmehr nach Ernst Happel benannten Wiener Prater-Stadion auszurichten. Die Franzosen bauen diese Tradition gerade mit dem 1998 errichten Stade de France im Pariser Vorort St. Denis auf.

In Deutschland hat es Vergleichbares nie gegeben. Schon zu kaiserlichen Zeiten, als Fußball auch auf internationaler Ebene noch unter weitgehendem Ausschluss der Öffentlichkeit gespielt wurde, fanden nur drei von 13 deutschen Heimspielen in Berlin statt – für das Duell mit den benachbarten Niederländern wich der DFB 1910 aus logistischen Gründen sogar in das Grenzstädtchen Kleve aus. Und als Fußball zu Weimarer Zeiten Massensport wurde, hatte der DFB lange Zeit ein gespaltenes Verhältnis zur deutschen Hauptstadt. Als der Verband für 1928 seinen Umzug nach Berlin beschloss, trat DFB-Präsident Hinze aus Protest zurück. Von 29 Heimspielen in den Weimarer Jahren durfte Berlin ganze fünf ausrichten. 

Im Deutschen Stadion im Grunewald kam nie Stimmung auf

Das lag auch an der suboptimalen Infrastruktur. Berlins größte Sportstätte war seit 1913 das Deutsche Stadion auf der Rennbahn des Union-Klubs im Grunewald. Gebaut wurde es in gerade einmal 20 Monaten für die Olympischen Spiele 1916, aber als es soweit war, hatten die Mächtigen mit der Jugend der Welt bekanntlich anderes im Sinn, als sie zu sportlichen Wettkämpfen zu schicken. Das Deutsche Stadion war eine gigantische Fehlkonstruktion. Betreten konnte man es nur über einen Tunnel unter der Rennbahn. Das Stadion war 300 Meter lang und 100 Meter breit, der riesige, schlauchähnliche Rasenplatz war umgeben von einer 600 Meter langen (!) Laufbahn, die wiederum in einer 666 Meter langen Radpiste aus Beton eingeschlossen war. Weil die kaiserliche Loge den Großteil der Haupttribüne einnahm und die Gegengerade von einem Schwimmbad unterbrochen wurde, betrug das offizielle Fassungsvermögen nur 30 000 Zuschauer. Stimmung kam im Deutschen Stadion nie auf. Hertha BSC, um 1930 die beste Mannschaft Deutschlands, spielte lieber daheim im Wedding an der Plumpe. Als Hertha 1927 zum Meisterschaftsfinale in das Deutsche Stadion auswich, gab es prompt eine 0:2-Niederlage gegen den 1. FC Nürnberg.

Das Publikum in den Kurven und auf den oberen Reihen der Schwimmbadtribüne war unendlich weit weg vom Geschehen auf dem Rasen. Frankfurt, Hamburg, Dresden, Köln oder Nürnberg boten bessere Bedingungen. Sogar das damals noch selbständige Altona wurde zu Weimarer Zeiten mit zwei Länderspielen bedacht.

Zu den Olympischen Spielen 1936 sollte das Deutsche Stadion ursprünglich ausgebaut werden, doch die Nazis entschieden sich für einen Abriss und einen monumentalen Neubau. Hitler persönlich fällte diese Entscheidung nach einem Inspektionsspaziergang im Frühling 1933. Der Union-Klub wurde enteignet und auf dem Rennbahn-Gelände das Deutsche Sportforum samt Olympiastadion, Waldbühne und dem Maifeld als Aufmarschgelände errichtet.
Das neue Olympiastadion war mit einem Fassungsvermögen von 100 000 Zuschauern eines der größten der Welt, aber auch die Nazis mochten es nicht zum Nationalstadion machen. Länderspiele waren damals Propagandaveranstaltungen, bei denen das Rahmenprogramm beinahe wichtiger war als das Spiel. Damit wollten die Nazis das gesamte Reich beglücken und nicht nur ihre Hauptstadt, in der sie ohnehin pausenlos agitierten. So kam es, dass von den 42 Länderspielen in den tausend Jahren zwischen 1933 und 1945 nur zehn in Berlin stattfanden, zugleich aber Städte wie Stettin, Chemnitz, Erfurt, Breslau, Königsberg oder Krefeld als Gastgeber der Nationalmannschaft fungierten.

Nach dem Krieg schien der NS-Bau Olympiastadion unpassend für Massenveranstaltungen

Den Krieg überstand das Olympiastadion weitgehend unbeschadet, aber als symbolisch belasteter Bau des Dritten Reiches war es für Massenveranstaltungen nicht mehr opportun. Nach dem Mauerbau vergab der DFB zwar regelmäßig Länderspiele als politische Morgengabe nach Berlin, doch bei internationalen Turnieren wurde die besondere politische Lage West-Berlins zur Belastung. Für die WM 1974 konnte der DFB das Olympiastadion noch als Spielort durchsetzen, bei der Europameisterschaft 1988 aber musste Berlin auf Druck der Ostblockstaaten außen vor bleiben.

Außerhalb von Berlin geriet das Olympiastadion, auch wegen der sportlichen Talfahrt von Hertha BSC, immer mehr in Vergessenheit. Nach der Wende vergab der DFB bis 1997 nur zwei Spiele in die baufällige Arena, die nur mit größten Anstrengungen und einem deutlich sichtbaren Stahlkorsett für die alljährlichen Pokalfinals fitgemacht werden konnte. Das Olympiastadion verfiel, und wahrscheinlich wäre es heute schon längst für den Publikumsverkehr gesperrt, hätte Deutschland nicht im Juli 2000 den Zuschlag für die Ausrichtung der WM 2006 bekommen. Dann kamen die Millionen des Bundes – und gestern die Engländer.

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