Nationalmannschaft : Zurück ins Licht

Nach dem Selbstmord von Robert Enke tastet sich die Nationalmannschaft wieder an die Normalität heran.

Stefan Hermanns
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Wieder im Trainingsanzug. Bundestrainer Joachim Löw bereitet sein Team auf das Testspiel am Mittwoch vor. Foto: ddpddp

DüsseldorfAn Tagen wie diesen bekommen selbst profane Arbeitsabläufe eine ungewollte Symbolik. Es ist Montagmorgen, kurz nach halb elf, die Fußballer der deutschen Nationalmannschaft stehen auf dem Platz in der Düsseldorfer Arena am Rhein – und unter dem geschlossenen Stadiondach brennt nur die Notbeleuchtung. Die erste Trainingseinheit nach dem Selbstmord von Robert Enke beginnt, passend zur gedämpften Stimmung, im Halbdunkel. Plötzlich aber wird es Licht. Das Flutlicht brennt mit voller Kraft. Irgendjemand hat den Schalter umgelegt. Oder den richtigen Knopf gedrückt.

Noch immer ist viel Stille in der Mannschaft, berichtet Manager Oliver Bierhoff. „Wenn alle zusammen sind, spürt man eine große Beklommenheit.“ Aber langsam tasten sich die Spieler wieder an die Normalität heran. Zurück ins Licht.

Sechs Tage sind vergangen, seitdem die Nationalspieler von Enkes Tod erfahren haben, vor gerade 24 Stunden haben sie in der Arena in Hannover Abschied genommen – und jetzt stehen sie wieder auf dem Rasen. „Wir müssen versuchen, wieder in den Alltag hineinzukommen“, sagt Bierhoff, „versuchen, wieder ein Lächeln zu finden.“ Die Feldspieler tragen schwarze Trainingsanzüge, nur Bastian Schweinsteiger ist mit einer weißen Windjacke aufgelaufen. Die Gespräche am Rand werden in gedrosselter Lautstärke geführt, man kann sogar hören, was die Reporter vom Fernsehen in ihren Liveschaltungen sagen: „Nichts ist mehr so, wie es einmal war in der Fußball-Nationalmannschaft.“

Dann fliegt ein Ball mit lautem Knall gegen eine Werbebande neben dem Tor.

„Es ist eine Abwechslung, wieder zu trainieren“, sagt Bundestrainer Joachim Löw. Er hat die Spieler um sich versammelt, spricht ein paar Minuten in ihrer Mitte und klatscht dann dreimal in die Hände: An die Arbeit!, heißt das. „ Wir werden alles tun, um in die Normalität zurückzukommen“, verspricht Löw später. „Wir müssen es wieder schaffen, den normalen Rhythmus aufzunehmen.“ Es ist das erste Mal nach Enkes Selbstmord, dass er sich äußert. Der Tod des Torhüters hat ihn tief berührt, mitgenommen, schockiert, doch jetzt muss er den Übergang in die Normalität moderieren, auch öffentlich. Am Mittwoch spielt die Nationalmannschaft in Gelsenkirchen gegen die Elfenbeinküste. Unter normalen Umständen hätte man von einem wichtigen Test im Hinblick auf die Weltmeisterschaft gesprochen – aber jetzt?

„Das ist mit Sicherheit kein normales Länderspiel“, sagt Oliver Bierhoff. Sie haben in der Mannschaft darüber gesprochen, ob auch dieses Spiel ausfallen solle; eine ernsthafte Option aber ist das wohl nicht gewesen. „Selbstverständlich geht es irgendwo wieder weiter“, sagt Löw. Enkes Vater hat ihn am Samstag angerufen, sie haben ein längeres Gespräch über die Krankheit und die Verzweiflung des Torhüters geführt. Dirk Enke ist Psychotherapeut, aber auch er kam am Ende nicht mehr an seinen Sohn heran. „Wir hatten alle keine Chance, ihn von dieser Entscheidung abzuhalten“, sagt Löw. „Wir dürfen uns keine Vorwürfe machen.“

Die Spieler haben darüber gesprochen, wie sie ihres toten Kollegen während des Spiels gegen die Elfenbeinküste gedenken können . Auf der Bank zwischen den Ersatzspielern wird ein Trikot von Robert Enke liegen – als Zeichen, dass er zu dieser Mannschaft gehört. Vor dem Anpfiff wird es eine Schweigeminute geben, die Mannschaften laufen mit Trauerflor auf, und auf dem Videowürfel unter dem Stadiondach sollen noch einmal Bilder von Robert Enke gezeigt werden, der „ein außergewöhnlich guter Torhüter und auch ein außergewöhnlich guter Mensch“ war, wie Löw sagt . Trotzdem fände er es „nicht gut, wenn man im Stadion allzu viel macht“.

Es muss eben auch Fußball gespielt werden. Die Abläufe vor dem Spiel sollen daher die gleichen sein wie immer: Löw wird seine Mannschaft ausführlich auf den Gegner einstimmen, auch ihre eigenen Stärken wird er noch einmal besonders heraus heben. „Ich möchte, dass meine Mannschaft eine gewisse Kraft entwickelt, um ein gutes Spiel zu machen“, sagt der Bundestrainer. „Dass wir Leistung wollen und bringen müssen – das ist selbstverständlich.“

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