Sport : Nationalspieler werden ist nicht schwer

Joachim Löw hat in seiner kurzen Amtszeit sechs Debütanten aufgestellt – keiner konnte sich empfehlen

Michael Rosentritt[Rostock]

Der Schlusspfiff war für Manuel Friedrich das Zeichen zum Aufbruch. Der erste Mainzer Nationalspieler aller Zeiten, der kurz zuvor ausgewechselt worden war, hastete auf den Spielfeldrasen. Er wollte die kleine Ehrenrunde der deutschen Mannschaft vor dem Rostocker Publikum nicht verpassen. Zwar wird er aller Voraussicht nach am Mittwoch noch einmal in Bratislava zum Einsatz kommen, aber dann könnte es auch schon wieder vorbei sein mit seiner jungen Karriere als Nationalspieler. Nach dann vielleicht fünf Einsätzen.

Es zählt zu den Errungenschaften der Ära Klinsmann, dass es so ziemlich jeden halbwegs ambitionierten Spieler mit deutschem Pass treffen kann, in die Nationalmannschaft berufen zu werden. Jürgen Klinsmann verschaffte in seiner zweijährigen Wirkzeit einem Dutzend Spielern Einsatz in der wichtigsten deutschen Mannschaft. Sein Nachfolger Joachim Löw ist drauf und dran, diese Marke zu übertreffen. Gleich vier Spieler gaben am vergangenen Samstag im Freundschaftsländerspiel in Rostock gegen Georgien ihr Debüt in der Nationalelf: der Bremer Clemens Fritz, der Hamburger Piotr Trochowksi, der Aachener Jan Schlaudraff sowie der Wolfsburger Alexander Madlung. Schon im ersten Länderspiel unter Löw waren es der Berliner Malik Fathi und eben Manuel Friedrich, denen diese Ehre zuteil wurde. Nachhaltig empfehlen konnte sich allerdings keiner von den sechs, auch wenn Oliver Bierhoff gestern von einem „sehr guten Eindruck“ sprach, den die Neuen hinterlassen hätten, und das „sehr beruhigend“ fand. „Der Kreis hat sich schon ein bisschen erweitert“, sagte der Teammanager.

Dass die Nationalelf unter Joachim Löw in vier Spielen siegreich und ohne Gegentor geblieben ist, lässt sich allerdings nicht auf die Qualität der Neulinge zurückführen. Vielmehr spricht es für die mittlerweile robuste Struktur der Nationalmannschaft und ihrer Spielweise, dass sie selbst Spieler wie Fathi, Schlaudraff, Fritz oder eben Manuel Friedrich grundsätzlich verträgt. Ein Qualitätsunterschied aber war in den Experimentierspielen gegen eine schwedische B-Elf im August und vor allem jetzt gegen Georgien nicht zu übersehen. „Es gab zu viele Abstimmungsprobleme und wir haben sicher zu viele Gegenchancen zugelassen“, sagte Löw. „Diesmal haben wir etwas Glück gehabt, dass das zu null Bestand hatte.“

Von dem Dutzend neuer Nationalspieler unter Klinsmann hatten nur sechs den Sprung in den WM-Kader geschafft. Und auch jene Spieler, die unter Löw Eintritt in den elitären Kreis erhalten haben, werden noch zu spüren bekommen, dass es sehr viel leichter ist, Nationalspieler zu werden, als Nationalspieler zu bleiben. „Der Kader, den wir jetzt haben, ist nicht fix für jedes Länderspiel“, sagte Oliver Bierhoff. Damit fand der Manager der Nationalmannschaft eine diplomatische Umschreibung dessen, was nämlich fix ist: Mittelbar ist von den Löw’schen Debütanten niemand in der Lage, jemanden von den Stammkräften, so sie nicht verletzt sind, zu verdrängen.

Als Manuel Friedrich, ein angenehm gescheiter Bursche, nach dem Schlusspfiff den kleinen Sprint zurück aufs Spielfeld einlegte, fragten sich die Beobachter, warum er nicht im Zweikampf dieses Tempo erreichte. In Wirklichkeit hat Manuel Friedrich nur zwei Geschwindigkeiten zur Verfügung: langsam und etwas schneller als langsam. Dass Friedrichs höchster Gang für internationale Ansprüche zu wenig ist, bewiesen die zahlreichen Laufduelle mit den Stürmern aus dem Kaukasusland, die er allesamt verlor. Zwar verteidigte Löw seinen 27 Jahre alten Innenverteidiger, indem er auf dessen dreiwöchige Verletzungspause verwies, doch Friedrichs Geschwindigkeitsnachteile sind damit nicht zu erklären. Der Mainzer ist bestimmt kein schlechter Fußballer, aber seine athletischen Defizite waren schon Klinsmann negativ aufgefallen, der ihn schon einmal vor der WM in den Kader berufen, aber nicht zum Einsatz kommen ließ. Friedrich hatte die schlechtesten Fitnesswerte aller WM-Kandidaten.

Erschwerend für die Neulinge dürfte sich jetzt auch auswirken, dass im kommenden Jahr fast ausschließlich Qualifikationsspiele (acht) zu bestreiten sind. Vor der WM hatte die deutsche Elf als Gastgeber keine Qualifikationsspiele zu bestreiten. Das Spiel gegen Georgien bot sich noch einmal an, aber schon am Mittwoch in der Slowakei wird Löw wieder jener Mannschaft vertrauen, die sich bei der WM herauskristallisiert hatte. „Die anderen werden jetzt zurückkommen und neue Energie einbringen“, sagt Löw. Gemeint sind die WM-Stammspieler Miroslav Klose, Jens Lehmann, Bernd Schneider und Philipp Lahm, die gegen Georgien geschont wurden. „Wir kennen doch ihre Stärken“, sagt Löw. Im letzten Länderspiel des Jahres, dem EM-Qualifikationsspiel am 15. November in Zypern, wird auch Per Mertesacker wieder spielen, fraglich ist derzeit nur die Rückkehr der verletzten Christoph Metzelder, Marcell Jansen und Sebastian Kehl. Manuel Friedrich jedenfalls mochte sein Nationaltrikot nicht mit einem georgischen Spieler tauschen. Es hat für ihn Seltenheitswert.

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