Nationaltorwart René Adler : "Mich beschäftigt es noch"

Torhüter René Adler über seine Ablösung als Nummer eins in der Fußball-Nationalmannschaft und das Ende der Alphatiere.

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René Adler, 26, war vor der WM 2010 die Nummer eins im Nationalteam, ehe ihn eine Verletzung stoppte. Seitdem ist der gebürtige Leipziger nur noch die Nummer zwei hinter Manuel Neuer. Insgesamt kommt er auf zehn Länderspiele, bei Bayer Leverkusen bestritt er 138 Bundesligaspiele.
René Adler, 26, war vor der WM 2010 die Nummer eins im Nationalteam, ehe ihn eine Verletzung stoppte. Seitdem ist der gebürtige...Foto: dpa

Herr Adler, wo haben Sie eigentlich Ihre Brille?

Was Sie so alles wissen wollen. Ich trage gerade Kontaktlinsen.

Und wir dachten immer, Torhüter bräuchten gute Augen.

Ich kann schon gut genug sehen, glauben Sie mir. Aber es stimmt, seit drei Jahren brauche ich eine Brille.

Weil Sie ein Gegentor aus großer Entfernung bekommen haben?

Nein, ich stand dabei gar nicht im Tor. Es war im Herbst und ich merkte, dass ich bei nicht so gutem Licht Probleme hatte, die Verkehrsschilder auf der Autobahn zu erkennen. Ich habe keine große Stärke, aber das mit den Kontaktlinsen habe ich mir einfacher vorgestellt. Ich dachte, die kann ich den ganzen Tag über tragen. Mein Arzt riet mir dann, auch ab und zu mal eine Brille zu tragen. Damit habe ich kein Problem, auch wenn mir mal nachgesagt wurde, dafür sei ich zu eitel.

Sie waren die Nummer eins im deutschen Tor, doch wegen eines Rippenbruchs verzichteten Sie auf die WM. Heute spricht jeder nur noch über Manuel Neuer. Denken Sie manchmal daran, wie es ohne Verletzung hätte laufen können?

Es war nicht so, dass ich nicht spielen wollte, sondern ich konnte nicht spielen. Mein gesundheitlicher Zustand hat es nicht zugelassen. Es wäre mir und dem Verein gegenüber fahrlässig gewesen, wenn ich vor der WM anders entschieden hätte. Wer weiß, wie lange ich dann ausgefallen wäre. Aber natürlich würde ich lügen, wenn ich sagen würde, es hat mir nichts ausgemacht.

Was hat es Ihnen denn ausgemacht?

Das will ich gar nicht hier ausbreiten. Das sind Gedanken, die nichts bringen, die auch nicht leistungsfördernd sind. Ich habe die neue Situation zu akzeptieren. Das habe ich jetzt geschafft.

Fühlen Sie sich vergessen?

Es ist nicht immer ganz einfach, besonders dann nicht, wenn Fußball der Lebensmittelpunkt ist. Dann erfordert eine solche Situation viel Zeit. Ich habe mit Menschen aus anderen Branchen gesprochen. Und ich bin relativ schnell darauf gekommen, dass es vielen von denen doch wesentlich schlechter geht als mir.

Viele fanden bemerkenswert, dass Sie nach der WM sagten: Manuel Neuer ist die Nummer eins, er hat sich einen Vorsprung erarbeitet. Sie bringen offenbar einen ganz neuen Ton in den Konkurrenzkampf.

Ich würde das nicht an meiner Position festmachen. Es ist mehr ein Ergebnis eines Generationswechsels und dass es grundsätzlich nicht mehr diese Alphatiere im Team gibt. Es hat sich etwas gewandelt im Miteinander. Natürlich ist das auch typbedingt. Ich bin kein Typ Kahn und kein Typ Lehmann, ich bin ein Typ Adler. Ich weiß, wie ich leben und wie ich einen Konkurrenzkampf führen möchte, der gewinnbringend für die Mannschaft ist.

Hört sich an, als hätten Sie sich abgefunden mit der Rangfolge.

Ich habe ganz nüchtern die Situation zu analysieren, die nichts damit zu tun hat, dass ich mich hier kampflos ergebe. Ganz und gar nicht. Jeder, der mich kennt, weiß, wie ehrgeizig ich bin und dass ich auf meiner Position versuche, für das Team alles herauszuholen. Das ist ja auch das, was das Trainerteam der Nationalmannschaft einfordert. Gerade in Hinblick auf ein großes Turnier. Da ist jeder Spieler wichtig. Auch der zweite oder dritte Torwart. Jeder hat seine Rolle zu erfüllen.

Wie finden Sie Ihre Rolle?

Das ist nicht immer ganz einfach, das gebe ich zu, gerade für einen, der mal die Nummer eins war, dessen Karriere bis dahin immer nur steil nach oben ging, und es kaum Widerstände zu überwinden gab. Jetzt gab es einen Rückschlag und ich habe gelernt, damit umzugehen.

Droht Ihnen jetzt das Schicksal vieler Ihrer Vorgänger im Nationalteam, auf Jahre hinaus Nummer zwei zu bleiben?

Ich bin niemand, der mit seinem Schicksal hadert. Die Situation ist momentan klar, aber sie spornt mich an. Fragen Sie mal Pepe Reina bei den Spaniern. Ein Weltklassetorhüter, aber er hat Iker Casillas vor sich. Auch Reina hat seinen Anteil, dass Spanien Europa- und Weltmeister geworden ist. Das sollte man sich vor Augen führen und nicht nur sagen: Ja, ich bin jetzt enttäuscht und trotzig.

Wie lange haben Sie gebraucht, zu dieser Erkenntnis zu gelangen?

Ich habe mit der Zeit alles rational aufgearbeitet. Und glauben Sie mir, es gab Situationen, in denen ich nicht so ausgeglichen und gelassen war. Mich beschäftigt die Situation schon noch, mal mehr, mal weniger. Es gibt viele Beispiele im Sport, die zeigen, wie schwer es ist, wenn man nicht spielt.

An wen denken Sie dabei?

Nehmen wir Mario Gomez, der schon seit Jugendnationalmannschaftszeiten ein Kumpel von mir ist. Vor einigen Monaten musste er viel Kritik einstecken. Ob sie gerechtfertigt war oder nicht. Er kam lange Zeit nicht zum Einsatz, hat aber an sich geglaubt, hat gekämpft und hat gewonnen. Er hat mir gesagt, dass es nicht einfach ist, zu wissen, dass man nur Stürmer Nummer vier ist und trotzdem jeden Tag zum Training fahren und sich reinhauen muss. Es gibt aber keine Alternative: Man muss weiterkämpfen, denn im Endeffekt macht man es für sich. Und manchmal drehen sich die Dinge ja auch wieder.

Hat es ein Torhüter nicht schwerer, weil dieser nicht nur auf die eigene Stärke, sondern auch auf eine Schwäche oder das Pech des Konkurrenten angewiesen ist?

Man sollte primär auf seine eigenen Stärken schauen. Es verbietet sich doch für einen Sportler, zuerst auf die Schwäche des anderen zu schauen. Und wenn sie da ist, was nützt es, wenn man dann gerade selbst nicht stark ist? Dann zieht Nummer drei oder vier an einem vorbei. Ich denke, wenn die eigene Stärke stimmt, ist es relativ egal, wie der Konkurrent spielt.

Wird sich Manuel Neuers Standing durch seinen Wechsel zum FC Bayern weiter verbessern?

Manuel wird sich reiflich überlegt haben, was er machen wird. Generell ist ein Vereinswechsel keine einfache Sache. Man hat viele Dinge abzuwägen. Der FC Bayern ist nun mal der Klassenprimus in Deutschland, dort zu spielen, ist schon eine Reputation.

Ihr Vertrag läuft noch ein Jahr in Leverkusen. Wollen Sie verlängern?

Richtig ist, dass wir in Gesprächen sind. Aber ich kann hier und heute wirklich nichts Konkretes sagen.

Im Champions-League-Finale hat sich in Edwin van der Sar ein großer Torwart verabschiedet, was fast ein wenig untergegangen ist. Haben Sie es bemerkt?

Und ob. Er war einer der besten Torhüter der Welt. Für mich war er sehr wichtig und prägend. Sein Abschied ist ein Einschnitt, weil er ein Torwart war, der eine neue Torhütergeneration entwickelt hat, durch sein modernes Torwartspiel, das er eingeführt hat. Wenn man selbst Torhüter ist, weiß man, wie stark es ist. Diese Ballannahme, diese Ballmitnahme, und dann seine torhüterischen Fähigkeiten. Er wird fehlen.

In der Bundesliga sind in dieser Saison 39 Torhüter eingesetzt worden. Ist die Szene gerade so in Bewegung?

Es hat sich in Deutschland ein Trend entwickelt hat, der statistisch belegbar ist. Die Trainer von heute setzen immer mehr auf jüngere Feldspieler. Doch man hat weiter auf erfahrene Torhüter gesetzt. Auch das ändert sich gerade. Mit dieser Saison wurden vermehrt auch jüngere Torhüter in die Verantwortung genommen, schauen Sie sich doch mal um. Ich kann aus meiner Erfahrung sagen, wie es ist, als junger Torhüter reinzukommen. Man spielt ein halbes Jahr, kommt in einen Flow, denkt gar nicht groß nach. Die Krise kommt meist später, im zweiten oder dritten Jahr. Die müssen sie dann meistern.

Und Sie meistern nebenher einen gemeinsamen Haushalt mit Ihrem Bruder. Wie geht so etwas?

Gut, sehr gut sogar. Aber Sie müssen die Vorgeschichte kennen. Familie steht bei mir über allem. Mein Bruder ist in meinem Leben ein unheimlich wichtiger Faktor. Als ich mit 15 von zu Hause weg bin und nach Leverkusen ging, war er elf. Es war für ihn nicht ganz einfach, wenn auf einmal der große Bruder weg ist, mit dem man immer gespielt hat. Er hat mir das später auch mal erzählt, dass es da auch Nächte gab, in denen er geweint hat, als er echt traurig war. Heute unterstütze ich meinen Bruder, wo ich kann.

Wir nehmen mal an, dass Ihre Wohnung in Köln so groß ist, dass man sich gegebenenfalls aus dem Weg gehen kann?

So groß ist sie gar nicht. Jeder hat zwar sein Zimmer, aber dadurch, dass ich durch Fußball oft weg bin, stellt sich das Problem gar nicht. Wir haben uns jedenfalls noch nie gestritten.

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