Sport : „Natürlich ist Doping die Geißel der Leichtathletik“

DLV-Präsident Clemens Prokop über die deutschen Chancen bei der EM und Kinder, die Laufen, Werfen und Springen lernen müssen

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Herr Prokop, wirft der Dopingfall des 100-Meter-Olympiasiegers Justin Gatlin auch auf die morgen beginnende Europameisterschaft ein schlechtes Licht?

Der Fall ist für die Leichtathletik eine Katastrophe. Die internationale Leichtathletik ist ja im Moment nicht reich mit Athleten gesegnet, die auch beim Nicht-Fachpublikum einen Wiedererkennungswert haben. Außerdem hat der Weltrekordhalter über 100 Meter eine herausragende Position und Vorbildfunktion. Umso mehr trifft es die Leichtathletik, dass gerade Gatlin positiv getestet wurde.

Droht die Leichtathletik nun gemeinsam mit dem Radsport im Dopingstrudel zu versinken?

Es gibt einen wesentlichen Unterschied zum Radsport, und zwar die Anzahl der verdächtigten Athleten. Im Radsport stehen 58 Fahrer auf einer Liste von Verdächtigten, und dann wurde auch noch der Sieger der Tour de France positiv getestet. Das hat eine andere Dimension, als wenn „nur“ der Weltrekordhalter positiv getestet worden ist.

Aber es ist ja nicht nur Gatlin, gerade ist auch die Diskus-Olympiasiegerin Natalia Sadowa positiv getestet worden. Die Balco-Affäre betraf gleich eine Reihe von Athleten.

Natürlich ist Doping die Geißel der Leichtathletik. Nur hat es in der Leichtathletik noch keinen Fall wie den spanischen im Radsport gegeben, der sich so flächendeckend ausgebreitet hat. Dass es weltweit zu viele Dopingfälle in der Leichtathletik gibt, ist dennoch richtig.

Bei der Dopingbekämpfung gibt es noch immer weiße Flecken auf der Landkarte. In Osteuropa wird weiterhin besonders nachlässig kontrolliert, und es ist wohl kein Zufall, dass die Russin Sadowa nicht zu Hause, sondern im holländischen Hengelo überführt wurde. Was kann man tun, um das zu harmonisieren?

Zunächst einmal ist es ein Skandal, dass nicht einmal in Europa annähernd vergleichbare Kontrollsysteme existieren. Wenn man es nicht einmal in Europa schafft, wie soll man dann von Afrika beispielsweise solche Dinge einfordern? Drei Forderungen ergeben sich daraus: Erstens: Der Europäische Leichtathletikverband (EAA) muss durch finanzielle Mittel dafür sorgen, dass gerade in den Ländern, in denen die Kontrolldichte nicht dem Standard entspricht, das System verbessert wird. Die EAA finanziert in dem Trainingskontrollsystem bislang nichts, obwohl es ihr finanziell eigentlich gut geht. Als Mitglied des Councils der EAA habe ich wiederholt auch diesen Antrag gestellt – leider ohne eine entsprechende Mehrheit zu finden. Zweitens müssten auch die Athleten in die Pflicht genommen werden. Man sieht am Radsport, dass Athleten eine ganze Sportart in den Ruin treiben können. Ich würde mir wünschen, dass Athleten von ihren Prämien etwa bei Weltmeisterschaften einen gewissen Prozentsatz in einen Fonds zur Dopingbekämpfung zahlen. Das hätte auch einen hohen symbolhaften Wert.

Das symbolische Engagement gab es immerhin schon mal: Heike Henkel und Dieter Baumann haben früher auf Plakaten gegen Doping Position bezogen. Heute macht das keiner mehr, warum eigentlich nicht?

Das vermisse ich auch. Wir hatten in den neunziger Jahren bei vielen Athleten eine ganz offensive Haltung gegen Doping. Wenn man die Athleten heute fragt, ist natürlich jeder gegen Doping. Doch der kämpferische Einsatz, das Ausnützen der Vorbildfunktion findet so gut wie nicht mehr statt.

Aber was ist die Erklärung? Hat der Fall Baumann andere abgeschreckt, weil sie fürchten, selbst positiv getestet zu werden, und sei es nur durch ein verunreinigtes Nahrungsergänzungsmittel?

Wir hatten damit natürlich Probleme. Ich möchte auch den Fall einer Athletin nennen. Sie war vorgesehen für eine Anti-Drogen-Kampagne der Bundesregierung. Dann wurde sie positiv getestet. Aber das kann es nicht sein. Gerade jetzt sind die Athleten gefordert, für ihre Sportart zu kämpfen, und das können sie am besten, indem sie offensiv gegen Doping kämpfen.

Sie sprachen von drei Punkten, um das Kontrollsystem zu harmonisieren.

Die Staaten müssen ein ehrliches Interesse haben, gegen Doping zu kämpfen. Überall, wo sich der Staat engagiert, feiert die Dopingbekämpfung beachtliche Erfolge. Ich würde mir wünschen, dass die europäischen Staaten ein Abkommen schließen, in dem sie sich verpflichten, eine Mindestanzahl von Kontrollen durch unabhängige Gremien durchführen zu lassen.

Die Olympischen Spiele in Athen waren der bisherige Tiefpunkt einer längeren Talfahrt der deutschen Leichtathletik. Bei der WM im vergangenen Jahr in Helsinki ging es ein wenig aufwärts. Was erwarten Sie von der EM in Göteborg?

Ich hoffe, dass sich die Konsolidierungsphase fortsetzt. Aber wir planen natürlich strategisch, und die strategischen Ziele sind die Olympischen Spiele 2008 in Peking und die Weltmeisterschaft 2009 in Berlin.

Das klingt, als wenn Sie jetzt schon Enttäuschungen vorbeugen wollten.

Nein, so ist es nicht gemeint. Aber man muss bei der Zusammensetzung der Mannschaft berücksichtigen, dass wir mittelfristig planen. Wir haben eine Reihe von jungen Athleten mitgenommen, die sich im Grenzbereich der Nominierungskriterien befunden haben, aber denen wir eine Perspektive zutrauen. Bei so einer großen und recht jungen Mannschaft müssen wir auch mit dem einen oder anderen frühen Ausscheiden rechnen. Die letzten Ergebnisse haben immerhin gezeigt, dass wir im Wurfbereich international führend sind. Und dreißig unserer Athleten befinden sich in der aktuellen Rangliste zwischen Platz eins und acht. Das ist eine erfreuliche Ausgangsposition.

Trotzdem lautet die Befürchtung, dass die Deutschen nur noch werfen können, aber nicht mehr schnell und ausdauernd rennen und springen.

Ganz so sehe ich es nicht. Es ist richtig, dass unsere Stärken im technischen Bereich liegen und wir auf manchen Laufstrecken eklatante Schwächen haben. Aber über 100 Meter Hürden haben wir Kirsten Bolm, über 110 Meter Hürden Thomas Blaschek, das sind zwei Medaillenaspiranten bei den Läufern. Der 4x400-Meter-Staffel traue ich auch einiges zu, dabei besteht sie nur aus neuen Gesichtern. Es war auch nie so in der Geschichte der Leichtathletik, dass wir irgendwann einmal in allen Disziplinen gut waren. Es ist ein permanentes Auf und Ab.

Welche Ursachen kann es haben, dass die Verteilung innerhalb der Disziplinen so ist, wie sie ist?

Das ist von Disziplin zu Disziplin verschieden. Auf der Langstrecke ist die internationale Dominanz der Afrikaner schon demotivierend. Da ist es schwierig, einen deutschen Athleten zum Training zu motivieren. Im Dreisprung und Hochsprung zum Beispiel bewegen wir uns in einem Wechselbad, wenn ich an Charles Friedek denke, der 1999 Weltmeister im Dreisprung war, oder an Martin Buß, der 2001 Weltmeister im Hochsprung wurde. Das würde ich noch in historisch nachvollziehbare Wellenbewegungen einstufen, ebenso beim Laufen, wo wir mit Ingo Schulz über 400 Meter 2001 einen Vizeweltmeister hatten.

Ist die Leichtathletik in Deutschland für Jugendliche noch attraktiv?

Wenn ich unsere Mitgliederzahlen nehme, dann haben wir ganz hohe Zuwachsraten bei den 6- bis 14-Jährigen. Daraus entnehme ich, dass die Eltern ein großes Interesse haben, ihre Kinder in die leichtathletische Ausbildung zu bringen, das Grundmuster menschlichen Bewegungsverhaltens – Laufen, Werfen, Springen – qualifiziert zu erlernen. Wir haben dann unseren Einbruch in der Altersgruppe 14 bis 21. Da stehen wir aber nicht alleine. Die Leichtathletik hat eben das Grundproblem, dass sie sich durch objektivierbare individuelle Leistungen auszeichnet. Das heißt, ein Athlet kann eine Schwächephase allenfalls in der Staffel auffangen lassen. Ein anderes Grundproblem ist, dass die Relativität des Leistungsvergleichs fehlt. Während Fußball sich in der Kreisliga auf Kreisliganiveau vergleicht, ist die Leichtathletik immer gleich zwischen Weltrekordniveau und Schülerleichtathletik.

Wo können Sie ansetzen, um den Stellenwert der Leichtathletik zu erhöhen?

Das fängt im Grunde in der Schule an. Es fehlt oft an der Qualifikation der Sportlehrer, wenn ich an die Leichtathletik denke. Da haben wir eine Reihe von modifizierten Lehrplänen entwickelt und den Kultusministerien angeboten, in denen Leichtathletik spielerisch erlernt wird. Wenn ich an meine Schulzeit zurückdenke, da haben sich 15 Schüler in einer Reihe aufgestellt, sind einmal in die Sprunggrube reingehüpft, und das sollte dann Weitsprung sein. Da wird Leichtathletik zum Abgewöhnen angeboten. Was ich auch vermisse: dass wir wie in Frankreich und den USA viel mehr Vergleichskämpfe zwischen den Schulen durchführen. Gerade bei der kommenden Ganztagsschule wäre das eine Möglichkeit, um Bewegung zu fördern, aber auch das Interesse an der Leistungsentwicklung. Bundesjugendspiele und „Jugend trainiert für Olympia“ sind eben nur einmalige Aktionen.

Das Gespräch führte Friedhard Teuffel.

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