Sport : Natürlicher Wille

Der Spanier Rafael Nadal kämpft sich im French-Open-Finale gegen Mariano Puerta aus dem Tief zum Sieg

Christian Tretbar[Paris]

Ion Tiriac machte höflich Platz in seiner Loge. Er wusste, dass da gleich ein verschwitzter junger Mann mit dreckigen Tennishosen an ihm vorbei spurten würde. Ein Mann, der wenige Augenblicke zuvor Tennisgeschichte in Paris geschrieben hat. Rafael Nadal heißt er, ist 19 Jahre jung und hat gleich bei seiner ersten French-Open-Teilnahme den Grand-Slam-Titel gewonnen. Dieses Kunststück gelang zuletzt Mats Wilander 1982 in Roland Garros.

Tiriac stand applaudierend Spalier als der Spanier Nadal an ihm vorbeigewetzt kam, um in die Loge seiner Familie zu klettern. Dort warteten Mama und Papa, aber auch sein Onkel Toni, der sein Trainer und Förderer ist. Vielleicht dachte Ion Tiriac in diesem Moment an jenen Sommer 1985 zurück, als sein Schützling Boris Becker im zarten Alter von 17 Jahren Wimbledon gewann. Ob der gebürtige Mallorquiner Nadal eine ähnliche Karriere hinlegen wird, bleibt natürlich erst mal abzuwarten. Auf jeden Fall hat er sich in Paris schon einmal in die Geschichtsbücher eingeschrieben. Und das in einem hochkarätigen und spannenden Finale gegen den Argentinier Mariano Puerta. 6:7 (6:8), 6:3, 6:1, 7:5 setzte sich Nadal in dem hart umkämpften und hochklassigen Spiel durch.

So richtig konnte Nadal das alles aber zunächst nicht begreifen, was er da gerade ausgelöst hat. Für einige Minuten vergrub er sein verweintes Gesicht auf der Bank im Handtuch. „Eigentlich wollte ich nicht weinen, aber meine Eltern und meine ganze Familie waren so ergriffen, da musste ich dann auch heulen“, sagte der neue French-Open Sieger. Als er von Fußballidol Zinedine Zidane dann aber die Trophäe in Empfang nahm, strahlte er wieder. Wie ein Baby umarmte er sein neues Schmuckstück.

Doch es hatte nicht viel gefehlt und der Argentinier Puerta hätte die Trophäe in Empfang genommen. Denn im Laufe des Spiels entwickelte sich ein Duell, das beide hätten gewinnen können. Puerta setzte Nadal mit seiner schmetternden Vorhand immer wieder unter Druck. Aber der junge Spanier rannte wie ein Uhrwerk, unermüdlich und um jeden Ball. „Ich habe einfach gekämpft, gekämpft und gekämpft“, erklärte er später. Woher dieser unbedingte Siegeswille aber kommt, wusste er selbst nicht: „Das ist wohl bei mir ganz natürlich.“

Im vierten Satz war es aber noch einmal ganz eng für Nadal geworden. Drei Satzbälle hatte Puerta beim Stand von 5:4. Aber Nadal war einfach zu cool. Er wehrte alle drei Satzbälle ab, holte sich das Rebreak und zog aus, neuer Star in der Tennisszene zu werden. Doch ein wenig aufgeregt war er dann doch: „Ich war vor allem im ersten Satz und im vierten, als ich ein Break hinten lag, ein bisschen nervös.“ Momente dieser Art sind aber ansonsten selten beim Spanier. Unbekümmert und ausgelassen tritt er auf. Das war in Roland Garros so, aber auch schon, als er für Spanien den Daviscup 2004 mitgewann und bei seinen fünf ATP-Siegen in diesem Jahr. Die French Open seien aber ein Traum für ihn gewesen. „Die wollte er schon als Kind gewinnen“, sagte sein Onkel Toni. Dieser Traum ist gleich beim ersten Mal in Erfüllung gegangen.

Jetzt will Nadal beweisen, dass er keiner der typischen Sandplatzspieler ist, die nur in Paris für Furore sorgen können. „Ich will mein Tennis auf den schnelleren Belägen verbessern“, verspricht Nadal. Deshalb werde er sich beim Turnier in Halle/Westfallen in dieser Woche auf Rasen vorbereiten. Das nächste große Ziel ist Wimbledon. „Da werde ich wohl nicht gleich auf Anhieb gewinnen können“, sagt Nadal. „Ich will zunächst einmal mein Tennis verbessern, mehr nicht.“ Sollte er aber in London auch so unbekümmert auftreten wie in Paris, dann könnte er auch dort für eine Überraschung sorgen. Ion Tiriac würde dann sicherlich in Erinnerungen schwelgen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben