NEBEN Schauplatz : Ballack im Nomadenzelt – Wie die EM die Mongolen begeistert

Das Fernsehbild ist leicht verschneit, und auch die überdimensionale Satellitenschüssel vor der Jurte steht noch im Restschnee. Lange kalte Wintermonate mit bis zu minus 50 Grad lassen in der Mongolei kaum ein Fußballspiel im Freien zu. Aber zugucken kann man schon, selbst wenn der Fußball im 8000 Kilometer entfernten Zentraleuropa stattfindet.

Der mongolische Fernsehsender C1-TV überträgt alle Spiele der Europameisterschaft, und in der Hauptstadt Ulan-Bator fördern Public Viewings in Bierzelten und Kneipen den Fußballwahn. Auf dem Land gibt es zwar kaum Bier, aber bei Airak – gegorener Stutenmilch – lässt es sich in der Mongolei auch gut feiern. Immer häufiger ist der Jubel aus Jurten zu hören, große Satellitenschüsseln vor Nomadenzelten sind kein seltener Anblick.

Es gibt nur wenige Fußballvereine in dem Land, das zwar viermal so groß ist wie Deutschland, aber insgesamt nur etwa 2,5 Millionen Einwohner zählt. In den unendlichen Weiten der Steppenlandschaft gibt es kein fließendes Wasser, keine Kanalisation, kein Kaufhaus, aber – bei gutem Wetter – bescheidenen Fernsehempfang.

In der Rangliste des Fußball-Weltverbandes Fifa steht die mongolische Nationalmannschaft derzeit auf Platz 187. Aber das mindert die Begeisterung des Nomadenvolkes für den Sport keineswegs. Die Mongolen bleiben am Ball und geraten in Euphorie, besonders wenn das deutsche Team spielt. Michael Ballack war schon bei der WM 2006 das große Idol unter den Nomaden. Kilometerweit sind auch diesmal bei Deutschlandspielen die Olé-Olé-Rufe zu hören und unterbrechen die sonstige Stille des weiten Landes.

Mehr als 30 000 Mongolen sprechen nach amtlichen Schätzungen Deutsch. Es gibt einen deutschsprachigen Radiosender, und das Opernhaus in Ulan-Bator wurde nicht nur von einem deutschen Architekten entworfen, es werden auch deutsche Opern aufgeführt. In keinem anderen asiatischen Land hat die deutsche Sprache und Kultur eine solche Bedeutung wie in der Mongolei. Das deutsche Wort „Fußball“ versteht vermutlich jeder im Land von Dschingis Khan. Auf Mongolisch heißt es übrigens „Khulbumbug“ – aber wer kennt schon den mongolischen Begriff in Deutschland?

Dennoch bleiben Ringen, Reiten und Bogenschießen die charakteristischen Sportdisziplinen der Mongolen. Wilde Reiter in karger Steppenlandschaft, stolze Männer mit Pfeil und Bogen sind die gängigen Sportmotive. Schon lange beherrschen die mongolischen Ringer die japanische Sumo-Liga.

In einem Monat findet das Naddam-Fest in der Mongolei statt – die Olympischen Spiele der Nomaden. Hier werden Wettkämpfe ausgetragen, bei denen die Mongolen wirklich Weltklasse sind: Reiten und Bogenschießen.

Auf welchem Rang wäre wohl Ballack als Bogenschütze? Catrin Schoneville

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