NEBEN Schauplatz : Gruppendynamik im Büro

Tim Jürgens

Normalerweise arbeiten sie viel länger. In der Immobilienbranche gilt: Zeit ist Geld. Aber dieser Tage geht fast immer ein Kollege in der Abteilung „Finanzierung & Controlling“ des Immobilienunternehmens „Soravia“ überpünktlich. Die Vorrundenspiele beginnen um 18 Uhr - und es vergeht kein Tag, an dem nicht einer aus dem Team zum Fußball verabredet ist. Mitarbeiter aus sieben EM-Ländern arbeiten hier unweit des Rochusmarktes im Wiener Zentrum. Die Euro bestimmt dar Büroleben: Während sich Teresa Santos aus Portugal wegen des Erreichens des Viertelfinals entspannt zurücklehnt, umgibt Petra Kunikova aus Tschechien und Olga Tagauri aus Russland eine seltsame Melancholie, wenn sie sich am Kaffeeautomaten treffen. Die Hoffnung auf das Weiterkommen macht die beiden Osteuropäerinnen zu Schwestern im Geiste. Denn die stirbt bekanntlich zuletzt. Eine besondere Brisanz für die „Soravia“-Zweigstelle ergab sich zudem bei der Auslosung zur EM: Mit Marco Schütz aus Deutschland, Dijana Pavic aus Kroatien, Liliana Schmitt aus Polen und Lorenz Tragatschnig aus Österreich ist die komplette Gruppe B in der Bürogemeinschaft repräsentiert. Bereichsleiter Gerald Gadnik sieht den Officefrieden jedoch nicht gestört: Bei wichtigen Spielen schauen die Kollegen gemeinsam. „Es wird viel geflachst, aber stets auf einer kollegialen Ebene.“ Und auf ein Team können sich hier alle einigen: Außenseiter Österreich bewegt alle, schließlich leben die meisten seit Jahren hier in der freundlichen Diaspora von Wien und würden dem Gastgeber das Weiterkommen gönnen – bis auf den Leidtragenden, Marco Schütz, versteht sich. Am Ende der Vorrunde steigt bei der europaweit operierenden „Soravia“ das Euro-Fieber erst. Der Fanatismus ist dabei so unterschiedlich ausgeprägt wie auf der Fanmeile. Die Polin Schmitt sagt: „Wenn wir ausscheiden, brauche ich einen Tag frei. Dann kann ich mich nicht mehr konzentrieren.“ Der relaxte Alpenländer Tragatschnig tröstet sich im Falle des Falles mit der Vorfreude auf die Skisaison: „Da sin mer wengstens vorn dabei.“ Und der Deutsche Marco Schütz prophezeit einer Zimmerkollegin, der Portugiesin Santos: „Im Viertelfinale werden wir euch schlagen, keine Sorge.“ Nur die Kroatin Pavic, seit 15 Jahren in Österreich, ist seltsam gleichmütig in ihrer Einstellung: „Mir macht das Turnier einfach Spaß. Ob ich für Kroatin oder Österreich bin – ich weiß es gar nicht so genau.“ Tim Jürgens

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