NEBEN Schauplatz : Italiens Taubenschlag

Thorsten Schaar

Wer mit dem Schnellzug raus fährt zur „Casa Azzuri“, muss im beschaulichen Baden aussteigen. In dem Luftkurort, der trotz seines Casinos keineswegs mondän wirkt, trifft man überall auf flanierende Kurschatten, doch wenn man die älteren Herrschaften nach dem italienischen Mannschaftshotel fragt, geben sie alle die eine Antwort: „Durch den Kurpark.“ Schloss Weikersdorf ist weitestgehend abgeschirmt, willkommen ist man woanders.

Klein-Italien liegt zurzeit 15 Taximinuten von Baden entfernt, in Oberwaltersdorf. Einwohnerzahl: 3644. Der italienische Fußballverband hat sich hier in einer ehemaligen Bettfedernfabrik eingerichtet und beherbergt temporär die internationalen Pressevertreter. Sonst finden in dem Kulturzentrum Kinder-Musicals und Amateur-Wrestling statt. Jetzt kleben großformatige Spielerfotos an den Wänden: legendäre Spielszenen von Altobelli über Bergomi bis Cannavaro. Wer ordnungsgemäß akkreditiert ist, kabelt von hier aus seine täglichen Hiobsbotschaften in die Heimat.

Das Quartier der Italiener füllt sich genau einmal am Tag, zur Pressekonferenz mit dem Trainer. Zwei Stunden lang geht es dann zu wie im Taubenschlag. Davor und danach genießen die Zeitarbeitskräfte das Dolcefarniente. Ein Grill für Tramezzini gibt es, mit einem uniformiertem Koch dahinter, und drei ganze Schinken, eingeflogen aus Parma. Sie sind eingespannt in gewaltige Schneidemaschinen. Doch damit nicht genug: Die Spezialitäten korrespondieren mit der Anzahl der aufgestellten Flachbildschirme.

Es ist eine bizarre Mischung aus Grüner Woche und Internationaler Funkausstellung, ausstaffiert mit italienischen Designmöbeln, und: ohne drängelnde Besucher. Im Hintergrund läuft auf einer riesigen Leinwand der Staatssender RAI1. Gezeigt wird eine mittägliche Talkshow, in der Hundewelpen an Hausfrauen verschenkt werden. Die über 30 LCD-Fernseher sind derweil gleich geschaltet und zeigen einen Film mit Louis de Funes. Zwischendurch setzt sich eine Sängerin aus Mailand hinter ein Keyboard und singt in ohrenbetäubender Lautstärke „I Just Call To Say I Love You“. Es wird nicht ganz klar, warum sie dies tut, aber es wird schon irgendwie seinen Sinn haben. Berlusconi singt schließlich auch ungefragt seine Liebeslieder.

Jeden Morgen um 10 Uhr treten die italienischen Hostessen ihren Dienst an. Ihre Kostüme zieren jeweils vier Sterne, für jeden Weltmeistertitel einen, genauso wie auf den Trikots. Gegen 23 Uhr wird der Laden dann wieder abgeschlossen. Zwischendurch gibt es eigentlich nur etwas zu tun, wenn die Medienvertreter einfallen. Eine italienische Chinesin, die sich beschäftigungslos hinter einer Pyramide aus Nutella-Snacks lümmelt, erzählt, dass sie beim gehaltenen Elfmeter von Buffon nicht einmal gejubelt hat. Sie hätte sich gefreut, ihre Zelt abbrechen und zurück nach Mailand reisen zu können.

Eine Einzelmeinung, die der Ödnis von Oberwaltersdorf geschuldet ist. Doch allen Nörglern und Kritikern zum Trotz: Es war ein genialer Schachzug, gegen van Bastens Holland zu verlieren und Gruppenzweiter zu werden. Denn jetzt erlebt man das Viertelfinale, Halbfinale und Finale in Wien. Und das ist nur 45 Minuten entfernt von der „Casa Azzuri“. Thorsten Schaar

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