NEBEN Schauplatz : Österreichs Vorträumer

Tim Jürgens

Am Ende wippte das ganze Stadion. Österreicher wie Deutsche wogten beim epochalen Spiel am 16. Juni 2008 im Ernst-Happel-Stadion in Wien und skandierten „Wer nicht hüpft, ist ein Piefke“. Die Choreographie war nicht nur eine schöne Szene in der seltsamen Hass-Liebe zwischen den beiden Bruderstaaten. Sie war auch der Schulterschluss zwischen österreichischen Fußballfans und ihrer so fremden Nationalelf. In 15 Jahren als Stadionsprecher hatte Andy Marek noch nie erlebt, dass sich ein Publikum derart geschlossen hinter sein Team stellte. „An diesem Tag erkannte man das Volk nicht wieder“, sagt der 46-jährige Wiener. „Es hat mich stolz gemacht.“

Der einstige Schlagersänger – größter Hit: „Top Secret“ von 1983 – hatte bei der EM einen ähnlich harten Job wie Austrias Team. Denn zehn Jahre nach der letzten Teilnahme bei einem großen Turnier, konnte von einer vorhandenen Fanstruktur in Österreich keine Rede mehr sein. „Im Stadion bei der EM saßen 30 000 Österreicher, von denen praktisch keiner seinen Nachbarn kannte“, sagt Marek. Der Ansager verstand es also als Mission, mitzuhelfen, dass das Team auf einer Woge der Partystimmung zumindest durch die Vorrunde getragen wurde. Um ein Kollektivbewusstsein zu schüren, griff Marek tief in die Trickkiste der Animation. Während von deutschen, kroatischen und polnischen Fans einstudierte Choreographien und Gesänge mit zu den Spielen gebracht wurden, motivierte Marek das heimische Publikum mit klaren, unmissverständlichen Aufforderungen: „Und jetzt singen wir alle: ‚Immer wieder, immer wieder, immer wieder Österreich…‘“ – und die versprengte Fanschar stimmte dankbar und freudig mit ein. Im Spiel gegen Deutschland ließen sich sogar die Anhänger des Gegners mitreißen, als Marek rief: „Und jetzt zünden wir alle gemeinsam die finale Stimmungskanone: La Ola.“

Was der Mannschaft von Josef Hickersberger nur bedingt gelang, schafften die Fans: Sie zauberten einen Hauch von Sommermärchen in das Fußballentwicklungsland. Andy Marek weiß, warum: „Geht es um etwas, zählen wir von der Begeisterung zu den Großen in Europa, geht es um nichts, sind wir emotional ganz schwach.“

Im Rückblick sieht er es als Privileg, beim größten Sportereignis, das Österreich je erlebt hat, eine kleine Rolle gespielt zu haben. Um aber in Nostalgie zu schwelgen, da gibt sich der Ansager keiner Illusion hin, dafür war die sportliche Realität des Gastgeberlandes dann doch zu ernüchternd. Der Turnierverlauf sei wie ein Koitus interruptus gewesen: „Doch der finale Orgasmus blieb aus. Wir sahen keine gute deutsche Mannschaft, aber eine erheblich schlechtere aus Österreich.“ Das Sommermärchen blieb letztlich ein schöner Traum. Tim Jürgens

Ausführliche Version im Internet:

www.tagesspiegel.de/em2008

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