NEBEN Schauplatz : Pogo am Kotti

Im Klubheim von Türkiyemspor wird der Sieg gegen die Schweiz gefeiert – obwohl das Bild ausfällt

Jan Mohnhaupt

Public Viewing auf Türkisch – mit dem bierseligen Freiluftevent à la Fanmeile hat das nicht viel gemeinsam. Ein Treffpunkt für Fans der türkischen Nationalmannschaft ist das Klubheim von Türkiyemspor Berlin. Es hat den Charme einer biederen Trinkhalle, an der Admiralsstraße, unweit des Kottbusser Tors gelegen. Der enge, stickige Raum platzt am Mittwochabend aus allen Nähten. Rund 200 Zuschauer drängen sich vor den zwei Leinwänden – deutsches und türkisches Fernsehen laufen parallel, mit wechselndem Ton.

Das EM-Gruppenspiel der Schweiz gegen die Türkei steht an. Wer verliert ist raus und kann sich den Rest der EM komplett auf der Leinwand anschauen. Dem Sieger winkt das Viertelfinale. Entsprechend nervös ist auch die Stimmung zu Beginn des Spiels in der Stube. Nach gut fünf Minuten springt die Menge erstmals erwartungsfroh auf, was einen Rollstuhlfahrer in der letzten Reihe hysterisch werden lässt, nicht zum letzten Mal. Denn die Schweizer kommen mit den außergewöhnlich nassen Platzverhältnissen in Basel besser zurecht und gehen nach rund einer halben Stunde durch den türkischstämmigen Hakan Yakin in Führung. Die Stimmung in Kreuzberg ist nun auch ohne Platzregen deutlich abgekühlt. Zu Beginn der zweiten Hälfte haben sich aber alle wieder erholt. Die Stimmung kommt zurück, die Temperaturen steigen, was der Technik nicht gut zu bekommen scheint, und so passiert das Schlimmste, was man sich als Fernsehzuschauer vorstellen kann: In der stärksten Drangphase der türkischen Mannschaft fällt plötzlich das Bild der türkischen Übertragung aus. Als im nächsten Augenblick auch noch die zweite Leinwand schwarz sieht, bricht jedoch grenzenloser Jubel aus. Stuhlreihen fallen und 200 Männer versuchen, sich alle gleichzeitig zu umarmen – der TV-Kommentator hat just in diesem Moment den Ausgleich verkündet. Kein Unmut über das fehlende Bild, es gibt ja noch die Zeitlupe. Und die wird erneut gefeiert, als wäre sie live.

Bis zum Schluss hofft man im Vereinsheim weiter auf die Erlösung und als kurz vor Ende der vierminütigen Nachspielzeit Arda Turan nochmals auf das Schweizer Tor zuläuft, scheinen es alle schon zu ahnen. Als der Ball im Netz einschlägt, fallen sie wieder übereinander her – in einer Mischung aus Pogo und kollektiver Umarmung – um im nächsten Augenblick schlagartig den Raum zu verlassen und auf die Straße zu strömen. Draußen legen Autokorsos und Fans den Verkehr um das Kottbusser Tor größtenteils lahm und verstopfen die angrenzende Adalbertstraße. Feuerwerkskörper fliegen durch die Luft und auf den umliegenden Balkonen am (Epi-)Zentrum Kreuzbergs werden rote Fahnen mit weißem Halbmond und Stern geschwenkt. Die eintreffenden Polizeieinheiten in voller Montur können und müssen aber nicht eingreifen.

So dauert die Feier an und die Autohupen verkünden noch am frühen Donnerstagmorgen den Last-Minute-Erfolg, der vielleicht das Viertelfinale bedeutet. Dann könnten wieder deutsches und türkisches Fernsehen parallel laufen. Fragt sich nur, mit welchem Ton. Jan Mohnhaupt

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