Nello di Martino im Interview : „Ich bin Herthaner, kein Deutscher“

Nello di Martino von Hertha BSC ist nah dran am italienischen Team

von

Herr di Martino, in welche Ecke schießt Arne Friedrich?

Wieso, in welche Ecke?

Na, beim Elfmeterschießen gegen Italien?

So ein Quatsch! Jetzt wollen Sie wissen, ob ich unserem Torhüter Buffon den Tipp gebe, wohin Arne schießt, oder wie? Quatsch, so ein Quatsch. Ist doch kein Amateur, der Buffon.

Aber Sie sind Torwarttrainer bei Hertha BSC und kennen Arne Friedrich. Haben Sie Buffon nun einen Tipp gegeben oder nicht?

Wenn ich mich hinstelle und sage: Du, ich bin der Nello von Hertha BSC, der Arne schießt in die rechte Ecke, dann tippt sich Buffon mit dem Finger an die Stirn. Der ist doch absoluter Profi, der weiß das.

Herr di Martino, dürfen wir raten, für wen Sie am Dienstag sind?

Für Italien natürlich.

Kein bisschen für Deutschland?

Nein, wir wollen Weltmeister werden. Und da ist es mir egal, dass ich in Deutschland lebe.

Haben Sie das auch Arne Friedrich so gesagt?

Nein, ich bin der Nello, und Nello hat Stil. Ich rufe Arne vorher nicht an, nur weil ich seine Handynummer habe. Das macht nervös, das wäre unfair. Da kennen Sie Nello schlecht … eine Sekunde bitte, mein Fifa-Handy klingelt … (im Hintergrund klingelt ein Telefon, di Martino redet Italienisch, nach zwei Minuten ist er wieder da) … Hallo? Entschuldigung. Wo waren wir? Bei Arne. Nee, dem sage ich auch in Berlin nur Guten Tag. Ich telefoniere ja auch sonst nur mit unserem Manager, mit Dieter Hoeneß. Nello macht so was nicht.

Sind Sie denn aufgeregt vor dem Halbfinale gegen Deutschland?

Aus dem Alter bin ich raus. Ich bin Herthaner, kein Deutscher. Aber ich verstehe Sie ja: Ich lebe seit 1971 in Deutschland, ich bin damals von Inter Mailand nach Berlin gekommen, ich bin 1000 Prozent Hertha. Aber am Dienstag bin ich für meine Heimat. Für Italia. Für Deutschland bin ich erst wieder, wenn sie in Stuttgart spielen (lacht).

Dort findet das Spiel um Platz drei statt. Haben Sie denn die Begeisterung auf den Straßen Deutschlands gesehen?

Fans mit deutschen Fahnen sehe ich morgens nur auf den Fotos in der Zeitung. Wenn wir zum Flughafen fahren … es klingelt schon wieder … (wieder spricht di Martino Italienisch, seine Stimme überschlägt sich) … das geht seit vier Wochen so. Was für ein Job!

Sie waren bei der Fahrt zum Flughafen.

Ja, nicht mal da sehen wir deutsche Fahnen, wir leben in Deutschland in unserer eigenen Welt. Wir werden von der Polizei begleitet, wir sind konzentriert und abgeschirmt. Wenn einer mal hupt, dann ist es ein Italiener. Wir haben ja nicht mal deutsche Fernsehsender auf den Hotelzimmern.

Haben Sie das organisiert? Sie sind „Team Liaison Officer“, wie Sie die Fifa nennt, quasi der Deutschland-Beauftragte Italiens.

Ich bin für alles verantwortlich. Dass die Frauen vom Flughafen abgeholt werden, dass der Rasen gewässert wird, dass die Lastwagen mit der Sportkleidung immer da sind. Aber für das Fernsehprogramm bin ich nicht verantwortlich. Wir haben 15 italienische Kanäle, aber das ist gut. Wir leben seit dem 5. Juni in Duisburg, die Spieler würden meckern, müssten sie nur deutsches Fernsehen schauen.

Warum gehen Sie nicht raus?

Wir sind in Duisburg, und Duisburg ist Niemandsland für mich. Wären wir in Berlin, oh, mein Junge, ich würde den Spielern eine wunderbare Stadt zeigen, die sie noch nie gesehen haben. Das italienische Berlin.

Vielleicht schaffen Sie es ja ins WM-Finale, Herr di Martino. Das ist in Berlin.

Dann interessiert sich nur leider keiner für meine Stadt. Ich aber auch nicht. Ich tausche dann schnell meinen Koffer und fliege nach Österreich. Ins Trainingslager von Hertha. Die warten schon auf mich.

Das Gespräch führte André Görke.

Nello di Martino (54)

ist „Team Liaison Officer“ Italiens bei der Fußball-WM – und seit 1971 Torwarttrainer bei Hertha BSC. Vor zwei Jahren erhielt er das Verdienstkreuz seines Heimatlandes.

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