Sport : Nervenschwach unter Nervenbündeln

Hertha BSC kommt mit dem Druck im Abstiegskampf nicht zurecht – der einzige Trost: die Konkurrenz auch nicht

Stefan Hermanns

Berlin. In schwierigen Zeiten kann auch die Geschichte Trost und Zuversicht liefern. Hans Meyer, der Trainer von Hertha BSC, hat nach dem 0:3 bei Schalke 04 und den Platzverweisen gegen Marko Rehmer und Malik Fathi an einen ähnlichen Fall erinnert, den er vor ein paar Jahren mit Borussia Mönchengladbach erlebt hat. 0:4 habe er einmal bei Waldhof Mannheim verloren, die Spieler Pletsch und Eberl seien vom Platz geflogen, „aber hätten wir uns wochenlang darüber beklagt, wären wir nicht aufgestiegen“.

Nun geht es bei Hertha im Moment nicht um den Aufstieg, sondern darum, den Abstieg aus der Fußball-Bundesliga zu vermeiden, und wenn es denn nützt, ist selbst Geschichtsklitterung erlaubt. Gladbach hat tatsächlich im Herbst 2000 0:4 in Mannheim verloren, die Mannschaft ist auch aufgestiegen, aber Platzverweise hat es in diesem Spiel nicht gegeben. Vielleicht hatte Meyer das Spiel aus der Saison zuvor im Kopf. Da hatten Pletsch und Eberl zwei Handelfmeter verursacht, Gladbach verlor 1:2 – und verpasste den Sprung auf die Aufstiegsplätze.

Wie sich der Rückschlag von Schalke auf das Gemüt von Hertha auswirken wird, ist schwer zu sagen. Wann die Berliner gut spielen oder schlecht, ist in dieser Saison kaum vorherzusagen. Gesichert ist, dass Hertha mit Druck nicht umgehen kann. Aber wenn die Lage eher entspannt ist, wie am Sonntag in Schalke, als die Mannschaft mit einem Sieg einen wichtigen Satz nach vorne hätte machen können, dann scheint diese Situation ebenfalls zur Belastung zu werden.

Das Positive für die Berliner ist: Sie stehen mit solchen Problemen in der Liga nicht alleine da. Borussia Mönchengladbach hätte sich mit zwei Heimspielen hintereinander längst aus der Abstiegszone befreien können – und holte gegen Hertha und Wolfsburg nur einen Punkt. Das angeblich so heimstarke Kaiserslautern konnte am Wochenende mit einem Sieg an den Gladbachern vorbeiziehen – und kassierte in Überzahl und in der Nachspielzeit den Ausgleich. „Dass wir zwei Spieltage hintereinander auf einem Nichtabstiegsplatz stehen, zeigt, dass auch die anderen nicht vor Klasse strotzen“, sagt Meyer.

Wenn Hertha die drei ausstehenden Spiele gegen Dortmund, bei 1860 München und gegen Köln gewinnt, bleibt die Mannschaft in der Bundesliga. Das immerhin ist sicher. Aber wer will sich auf diesen Fall verlassen? Mehr als zwei Siege hintereinander sind den Berlinern in dieser Saison nicht geglückt, und in der Hinrunde haben sie gegen die drei letzten Gegner lediglich zwei Punkte geholt.

Einfacher wird es auch jetzt nicht. Dortmund steht erstmals seit Monaten wieder auf einem Europapokalplatz. Diese Position wird die Mannschaft mit aller Macht verteidigen, weil das Überleben des ganzen Vereins davon abhängt. Für 1860 geht es ebenfalls um den Verbleib in der Bundesliga. In einer solchen Extremsituation werden die Psyche und die Tagesform das Spiel entscheiden, nicht das angeblich bessere Potenzial der Berliner. Nur am letzten Spieltag trifft Hertha auf einen Gegner ohne eigene Ambitionen. Der 1. FC Köln steht bereits als Absteiger fest. Dieses Glück hatten die Berliner auch in der vorigen Saison, als sie gegen den bereits geretteten 1. FC Kaiserslautern 2:0 gewannen und sich dadurch für den Uefa-Cup qualifizierten. Diese Rechnung hat nur einen Haken. Hertha muss am letzten Spieltag selbst noch Ambitionen haben.

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