Sport : Nervenstark und sprachlos

Der Turmspringer Heiko Meyer wird endlich Europameister

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Berlin. Diese Aufforderung überforderte Heiko Meyer erst mal. Er saß im Presseraum der Schwimmhalle an der Landsberger Allee, Journalisten starrten ihn an, zwei Fernsehkameras waren auf ihn gerichtet, und neben ihm auf dem Podium sagte die Moderatorin,: „Legen Sie los.“ Wie? Was? „Soll ich jetzt etwas zu meinem Wettkampf sagen, oder wie?“ fragte Meyer einigermaßen ratlos zurück. Ja, das sollte er. Er sollte mal sagen, wie man sich so fühlt als Europameister im Turmspringen vom 10-m-Turm. Wie das so ist, wenn man die Konkurrenz regelrecht deklassiert und mit 492,39 Punkten gewonnen hat, während der Zweite, der Ungar Imre Lengyel, gerade mal auf 426,27 Punkte gekommen ist.

Also, „sehr gut fühlt man sich“, sagte Meyer. „Ich bin natürlich überglücklich.“ Das ist normal, schließlich war es ja kein Routinesieg. „Ich war zum ersten Mal in meinem Leben in der Favoritenrolle, deshalb war ich unglaublich nervös vor dem Wettkampf, das war genauso schlimm wie bei den Olympischen Spielen.“ Da wurde Heiko Meyer, der 25-jährige Sportsoldat aus Dresden, immerhin Dritter, allerdings nicht im Einzel, sondern im Synchronspringen.

Und das ist der entscheidende Punkt bei dieser EM. Denn Heiko Meyer wartet seit Jahren auf einen Einzel-Titel. Vor allem wartet er seit Jahren auf eine Weltklasse-Punktzahl. Ursula Klinger, die Bundestrainerin, hatte deshalb schon leichte Anzeichen von Verzweiflung gezeigt. „Wir haben immer gewusst, was er kann, aber er konnte es nie international umsetzen.“ Immer ging ein Sprung daneben, immer versagten Meyer im entscheidenden Moment kurzzeitig die Nerven. Und deshalb war dieser Start auch wieder ein reines Pokerspiel. Bleibt er ruhig, bleibt er es nicht? „Wir haben im Vorfeld schon damit geliebäugelt, dass er gewinnt, aber es war halt nicht klar, ob er seine Leistung optimal zeigen kann“, sagt die Bundestrainerin. Andererseits: Der starke Russe Igor Luschnik fehlte wegen einer Verletzung, die starken Engländer springen gerade bei den Commonwealth-Spielen in Manchester.

Aber dann sprang der Ungar Lengyel den dreieinhalbfachen Auerbach fehlerlos, und Meyer machte „hui". Er musste nun nachlegen, und er musste vor allem ruhig bleiben, und das war ein ziemliches Problem. Oder besser gesagt, es wäre ein ziemliches Problem geworden, wenn er sich nicht an die Taktik gehalten hätte, die er vor dem Springen seinem Trainer Frank Taubert erklärt hatte: „Weißt du, ich stelle mich jetzt bewusstlos. Wenn ich nachdenke, geht es schief."

Nichts ging schief, Meyer dachte nicht nach, Meyer sprang bloß, und er sprang so gut, dass er hohe Noten bekam. Am Ende hatte er eine Weltklassepunktzahl angesammelt. „Gott sei Dank“, sagte Ursula Klinger. „Denn jetzt kann keiner mehr sagen, der Heiko hat gewonnen, weil die Konkurrenz schlecht war." So sieht das der Sportsoldat auch. „Mit dieser Punktzahl kann ich bei einer WM oder bei Olympischen Spielen in die Medaillenränge springen.“ Dann müsste er wieder aufs Podium und reden. Aber so etwas lässt sich ja lernen. Frank Bachner

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