Sport : Nervöse Ruhe

Werder Bremen will sich von den verbalen Attacken aus München nicht aus dem Konzept bringen lassen

Richard Leipold

Bochum. Auf dem Rasen des Ruhrstadions hatten die Bremer fast 90 Minuten lang auf Angriff gespielt – mit Herz, mit Biss, aber ohne Torerfolg. Und selbst nach dem 0:0 in Bochum ließen sie sich nicht in die Defensive drängen. Der FC Bayern blies kurz nach dem Schlusspfiff zum Angriff auf den Tabellenführer, stellte nach seinem knappen Sieg über den Stadtrivalen TSV 1860 den SV Werder als kommenden Deutschen Meister wortreich in Frage. Doch die Bremer begegneten den forschen Tönen aus dem Süden mit hanseatischer Kühle. Das Gerede der Bayern zeige nur, „wie nervös die sind“, sagte Jürgen Born, Vorsitzender der Werder-Geschäftsführung. „Bei uns wird niemand nervös.“ Spieler und Trainer äußerten sich ähnlich.

Die Bremer führen das Klassement der Fußball-Bundesliga weiter an, mit sechs Punkten Vorsprung und der besseren Tordifferenz. Das muss – und das wird reichen, sagen sie. Und sie geben vor, aus der Partie in Bochum, die sie überlegen geführt haben, Gewinn zu ziehen, obwohl rechnerisch nur ein Punkt heraussprang. „Wenn wir weiter so spielen, werden wir am Samstag gegen den HSV gewinnen und auch danach bei den Bayern nicht verlieren“, sagt Geschäftsführer Klaus Allofs. Bochums Trainer Peter Neururer machte sich nach dem Schlusspfiff zum Sekundanten des von ihm besonders geschätzten Kollegen Thomas Schaaf und sprach von „einer Nullnummer der Höchstklasse“.

Die Bremer waren im ausverkauften Ruhrstadion wie eine Heimmannschaft aufgetreten; insgesamt schossen sie fünfundzwanzigmal aufs Tor. Ihre Angriffslust hat nicht nur Neururer beeindruckt, sondern vor allem die Bremer selbst. Sie sparten nicht mit Eigenlob, vermutlich auch, um den Bayern zu imponieren. Cheftrainer Thomas Schaaf hat selten so mit Komplimenten um sich geworfen wie nach dieser Partie. Seine Elf habe 99 Prozent ihres Leistungsvermögens gezeigt, sagte er. Das eine Prozent, das gefehlt habe, seien die Tore gewesen. Doch Tore machen mehr aus als ein Prozent. Werder trifft nur noch sporadisch. Vor allem Ailton, mit 25 Treffern Erster der Schützenliste, nutzt seine Möglichkeiten nicht mehr, seit über 300 Spielminuten schon. In Bochum vergab er vier gute Chancen.

Werders Abschlussschwäche ist der einzige Umstand, der den Klub die Meisterschaft kosten und die Münchner Bayern weiter aufbauen könnte. Doch selbst für den Fall, dass sie überhaupt kein Tor mehr erzielen, fühlen sich die Bremer gewappnet. „Wenn wir jedes Mal 0:0 spielen, werden wir Meister“, sagt Ivan Klasnic, der wie sein Kompagnon Ailton ausgewechselt wurde. Einmal in Schwung, wenngleich nicht auf dem Platz, benennt der Stürmer sogar den Tag der Entscheidung. „Ich glaube, dass wir in München alles klarmachen.“ Die Bremer treffen zwar das Tor nicht mehr, aber das habe mit einer Krise nichts zu tun, sagt Thomas Schaaf, „wir haben nur die Seuche an den Füßen“. Diesen Zustand, der leicht eine Krise verursachen kann, will der FC Bayern mit seinen Attacken verfestigen (siehe Kasten). Doch Werder behauptet, dagegen immun zu sein. Allofs sagt: „Wenn die Bayern verbal ballern, trainieren sie gerade nicht. Das kann uns nur recht sein.“

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