Sport : Nervtötend unsicher - der Champion

JÖRG ALLMEROTH

PARIS .Am Ende des viereinhalbstündigen Kraftakts im roten Aschestaub wäre Pete Sampras am liebsten hinterrücks in den Sand gefallen und hätte sich "vom Centre Court tragen lassen".Die Müdigkeit des Tennis-Champions hatte einleuchtende Ursachen: Schließlich hatte sich Sampras beim zehnten Anlauf zum Pariser Grand-Slam-Ruhm gleich zu Beginn der zweiwöchigen Tortur, in seinem nur scheinbar leichten Erstrundenmatch gegen Juan Antonio Marin aus Costa Rica, eine unglaubliche Strapaze aufgehalst.Erst als auf den meisten Außenplätzen des Stade Roland Garros schon die Platzmeister ihre Arbeit für den nächsten Spieltag aufgenommen hatten, kurz vor halb neun Uhr abends, verwandelte Sampras in einem episch zu nennenden Tennisduell seinen dritten Matchball zu einem 6:7, 6:4, 7:5, 6:7, 6:4-Sieg."Willkommen in Paris, zu den French Open", grinste der todmüde Pete Sampras später auf der Pressekonferenz, "genau dies sind die Spiele, die ich in Roland Garros so liebe".

Bei den anderen Top-Turnieren in Melbourne, Wimbledon oder New York sozusagen einer der Unantastbaren der Tenniswelt, zählt Pete Sampras beim Pariser Sandplatz-Spektakel seit jeher zum Fußvolk der Branche.Drei Viertelfinal-Vorstöße, eine Halbfinal-Teilnahme, aber auch mehrere Zweit- und Drittrunden-Knockouts fügen sich zu einer nach Sampras-Maßstäben eher unterdurchschnittlich erfolgreichen Arbeitsbilanz.Noch kein einziges Mal seit seiner French-Open-Premiere vor zehn Jahren gelang des dem elfmaligen Sieger von Grand-Slam-Turnieren, das Endspiel des wichtigsten Sandplatz-Meetings der Welt zu erreichen.

"Diesen Titel hier in Paris zu gewinnen, ist die letzte Herausforderung, die mir in meiner Karriere geblieben ist", sagt Pete Sampras, "aber es könnte für alle Ewigkeit nur ein Traum für mich bleiben".Sampras ist Realist genug, um zu wissen, "daß ich auf Sand verletzlich bin".In Wimbledon, sagt er, "hat jeder Angst vor mir, da habe ich manchmal schon gewonnen, bevor ich überhaupt auf den Platz gehe".Paris ist der schroffe und ernüchternde Gegensatz für den US-Supermann im Welttennis: "Hier bin ich wie ein lahmer Leitwolf, hinter dem die Jungen alle erbarmungslos her sind".

Selbst ein krasser Außenseiter wie der 24jährige Juan Antonio Marin, der in seiner Tennis-Laufbahn noch kein einziges Grand-Slam-Match gewonnen hat, taugte im Stadion Roland Garros zum potentiellen Sampras-"Attentäter".Nur mit der "Gnade Gottes" habe er sich in die zweite Runde gemogelt, befand Sampras nach dem Fünf-Satz-Krimi gegen den Nobody aus Costa Rica, "eigentlich hätte Marin das Spiel nach Hause schaukeln müssen".

Zum Schluß des längsten Turnierspiels der letzten drei Jahre bot sich den 12 000 Zuschauern auf dem Centre Court ein vertrautes Bild: Nur noch von "purem Willen" gesteuert, schleppte sich der entkräftete Sampras über den Platz und spielte Tennis praktisch aus dem Stand.Eine Art Senioren-Tennis.

Ähnlich wie bei dem legendären US-Open-Match gegen den Spanier Corretja schien Sampras minütlich vor einem Zusammenbruch oder einer vorzeitigen Aufgabe zu stehen."Ich habe das letzte bißchen Energie aus mir herausgeholt", sagte Sampras, dem schon am heutigen Donnerstag eine weitere, womöglich schon zu große Herkules-Aufgabe gegen den Ukrainer Andrej Medwedew bevorsteht.Ob Sampras noch einmal zu einer ähnlich imponierenden Leistung wie 1996 in der Lage ist, als er gleich drei Fünf-Satz-Matches gegen Sergi Bruguera, Jim Courier und Todd Martin gewann und dann ins Halbfinale einzog, ist fraglich.

Schließlich hat sich Pete Sampras noch immer nicht von seiner kräftezehrenden Schlußoffensive des Jahres 1998 erholt.Damals hatte der Amerikaner alles Menschenmögliche unternommen, um zum sechsten Male hintereinander als Nummer eins der Tennis-Weltrangliste das Jahr zu beschließen.Völlig ausgepumpt und "mental total am Boden", mußte der 27jährige eine Auszeit nehmen und sogar auf die Teilnahme an den Australian Open verzichten.Seitdem hat Sampras sein altes Leistungsniveau nie wieder annähernd erreicht: In der internen Hitliste der ATP-Tour für 1999 rangiert Sampras abgeschlagen auf Platz 58.

Auch deshalb belastet Sampras in diesen ersten French-Open-Tagen eine nervtötende Unsicherheit, "wo ich eigentlich stehe mit meinem Tennis".Viel schlauer ist der Mann, der in diesem Jahr noch den ewigen Grand-Slam-Turnierrekord des Australiers Roy Emerson mit zwölf Titeln brechen könnte, auch nach dem unerwarteten Auftakt-Thriller gegen Marin nicht: "Alles ist ein großes Rätsel für mich".Insgeheim, sagt Sampras, gehe es ihm mit Paris, den French Open und der gesamten Sandplatz-Saison so wie früher Boris Becker: "Der war auch froh, als er das Gras von Wimbledon gerochen hat".

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