Sport : Netzers Passspiel

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Armin Lehmann über die Frage, ob Michael Ballack ein Führungsspieler ist

FußballDeutschland ist aus den Fugen. Tagein, tagaus kommentieren Politiker dramatische Vorgänge aus der Welt der Kicker. Erst haben die Stoibers, Schröders, Schilys Teamchef Rudi Völler verteidigt, jetzt stellt sich Angela Merkel demonstrativ vor Michael Ballack und „alle, die in der DDR aufgewachsen sind“. Was ist da los?

Der „Guru“ (Völler) persönlich, Günter Netzer, hat mal wieder einen unserer Fußball- Helden mit „dieser Häme“ (Stoiber) überschüttet und Michael Ballack „in den Dreck“ (Stoiber) gezogen. Netzer hält Ballack zwar für den „besten Fußballer, den wir haben“, nur sei er nicht „prädestiniert für die Rolle des Führungsspielers“. Begründung: „Vielleicht ist dieses Sich-aus-der-Verantwortung-Nehmen auch eine Frage seiner Herkunft. Ballack ist in der DDR aufgewachsen. Dort zählte das Kollektiv, das hat den Weg für Genies verstellt.“

Natürlich hallt ein Aufschrei der Empörung durch das Land, und an der Spitze der Anti-Netzer-Bewegung steht nun die CDU-Chefin mit dem Satz: „Es zeugt von mangelnder Kenntnis, alle, die in der DDR aufgewachsen sind, über einen Kamm zu scheren.“ Das hat Netzer zwar gar nicht getan, trotzdem hat die Gegenkritik dazu geführt, dass sich nun niemand mehr mit der eigentlichen Frage Netzers beschäftigt: Ist Ballack kein Führungsspieler? Dafür könnte man in der Tat Indizien finden. Stimmt Netzers Beobachtung etwa nicht, dass Ballack bisher vor allem in einer starken, funktionierenden Mannschaft auch stark war, aber nie in Krisen? Stimmt es nicht, dass selbst die Bayern-Verantwortlichen mehr von Ballack gefordert haben, weil sie wissen: Die Bayern brauchen mehr Führung, wenn es nicht läuft, ein Kahn allein reicht nicht aus?

Es würde leichter fallen, ohne Vorurteile über Netzers Kritik nachzudenken, wenn das Fußball-Genie a.D. nicht ebenso scheinheilig argumentierte wie seine Gegner. Netzer ist jetzt „erschrocken, dass die Diskussion in diese Richtung geht“. Netzer hat auch nicht gewusst, dass „Sport-Bild“ und andere Boulevardmedien daraus eine Kampagne machen können, schließlich verkauft sich Ost gegen West immer noch gut.

Günter Netzer ist jedenfalls zu weit gegangen. Nicht mit dem Hinweis auf den Wert des Kollektivs im Vergleich zum Individuum in der DDR, aber mit dem finalen Urteil: Ballack sei „charakterlich nicht zum Führungsspieler geeignet“. Offensichtlich kann auch ein Günter Netzer die von ihm erhobenen Ansprüche nicht immer erfüllen.

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