Sport : Neuanfang? Italien glaubt nicht daran Die Tour de France wird skeptisch empfangen

Sebastian Moll[Prato Nevoso]

Er hatte ein Festtag werden sollen, dieser Sonntag. Der Tag, an dem das Peloton der Tour de France von den französischen Seealpen hinüber in das Piemont rollte, um zwischen den Bettenburgen der Skistation von Prato Nervoso anzukommen. Alles war angerichtet für die italienischen Kletterer, für Leonardo Piepoli und für Riccardo Ricco, den jungen Superstar des italienischen Radsports, der laut Marco Pastonesi von der Zeitung „Gazzetta dello Sport“ für die Tifosi „die Hoffnung auf die Neugeburt des Ciclismo“ verkörpert hatte.

Stattdessen war die Stimmung eher gedämpft an den Straßen zwischen Pontechianale, Cuneo und Frabosa Sottana. Sicher, Italien ist zwar noch immer Radsportland genug, um Tausende an die Strecke zu locken, wenn das größte Rennen der Welt vorbeikommt. Doch die Massen am Schlussanstieg standen weit weniger dicht gedrängt als erwartet. Und es war deutlich leiser, als es gewesen wäre, wenn Ricco hier um den Sieg gespurtet wäre.

Diejenigen, die zu Hause geblieben waren, verpassten einen spannenden Kampf um das Gelbe Trikot. Das trägt jetzt der Luxemburger Frank Schleck mit sieben Sekunden Vorsprung vor dem Österreicher Bernhard Kohl im Gerolsteiner-Trikot und einer weiteren Sekunde vor dem Australier Cadel Avens, der das Feld bislang angeführt hatte. Die erste Alpenetappe gewann der Australier Simon Gerrans.

Italiens Radsport bewegen diese Ereignisse nicht sonderlich. Der positive Dopingtest von Riccardo Ricco und der Ausschluss seines Teams Saunier Duval von der Tour waren ein schwerer Schock. „Das war genauso schlimm wie 1999, als man Marco Pantani im Rosa Trikot beim Giro aus dem Rennen nahm“, sagt Marco Pastonesi. „Die Leute haben Ricco geliebt.“

Entsprechend verbittert war die Reaktion in Italiens Presse. Der „Corriere della Sera“ spielte auf Riccos Vorbild Pantani an: „Er ist tatsächlich der neue Pirat. Aber leider hat er von Pantani nur die üblen Machenschaften gelernt, die den Radsport zerstören.“ Ein Vergleich, den auch „La Stampa“ zog: „Er ist wie Pantani – 50 Kilo Fleisch, Knochen und Dopingmittel.“

Der Geschmähte gab sich derweil trotzig. „Ich werde stärker zurückkommen als je zuvor“, sagte Ricco, nachdem er am Wochenende aus der Untersuchungshaft entlassen worden war. Das allerdings wird schwer. Riccos Teamsponsor zieht sich aus dem Radsport zurück, sein Mannschaftskamerad Piepoli ist unter Verdacht geraten, nachdem er vorsorglich entlassen worden war, und gab am Sonntag dann zu, „dasselbe wie Ricco“ gemacht zu haben. Auch das italienische Team Barloworld will seinen Betrieb einstellen.

Italiens Radsport hat größere Hindernisse vor sich als einen Berg in den Alpen.

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