Sport : Neuanfang mit Spritze

Wie Milans Ronaldo unter Dopingverdacht geriet

Vincenzo delle Donne[Mailand]

Die Kraushaarfrisur anstelle der berühmten Glatze deutete es an: Mit seinem Wechsel zum AC Mailand wollte Ronaldo einen Neuanfang wagen. Bei Real Madrid hatte man den brasilianischen Stürmer längst abgeschrieben. Zu dick, zu alt, zu lustlos – harte Vorwürfe musste der zweimalige Fußball-Weltmeister und Rekord-Torschütze bei WM-Endrunden über sich ergehen lassen.

Tatsächlich speckte der inzwischen 31-Jährige seit seiner Ankunft in Italien im Januar ab und wurde behutsam an seine alte Form herangeführt, mithilfe des vereinsinternen medizinischen Labors, das im Fußball seinesgleichen sucht. Es besteht aus europäischen Koryphäen auf dem Gebiet der Sportmedizin; das Team von Ärzten und Biochemikern leitet der Belgier Jean Pierre Mersemann. In 14 Spielen für Milan schoss Ronaldo bislang auch sieben Treffer. Doch dann kam der Rückschlag: Ronaldo erlitt eine Muskelverletzung, fehlte beim ersten Spiel des Titelverteidigers in der Champions League gegen Benfica Lissabon (nach Redaktionsschluss beendet) – und muss sich plötzlich auch noch der Vorwürfe erwehren, er sei ein Doper.

Bei einem Testspiel am 31. Juli zerrte sich der einst weltbeste Stürmer einen Oberschenkelmuskel. Milans Wunderärzte diagnostizierten, dass Ronaldo „in fünf, sechs Tagen“ wieder trainieren könne. Ronaldo pausierte einige Tage und fing dann schließlich wieder mit einem leichten Lauftraining an. Doch statt zu genesen, verschlimmerte sich die Verletzung. So holten sich die Milan-Verantwortlichen zusätzlich Rat beim berühmten Sportmediziner Martens in Antwerpen. Dieser stellte eindeutig fest, dass die Muskelzerrung schlimmer war – die Ärzte vom „Milan-Lab“ hatten sich geirrt.

Panikartig flog der in Verletzungen geprüfte Ronaldo danach nach Rio de Janeiro, wo er José Luiz Runco aufsuchte, den Arzt seines Vertrauens. Der Betreuer der brasilianischen Nationalmannschaft kennt Ronaldo seit langem und weiß um die anfälligen Stellen seiner Physis. Von Runco ließ sich Ronaldo den sogenannten Wachstumsfaktor verabreichen, eine durchaus umstrittene Therapie, bei der dem Patienten zunächst Blut entnommen und dann konzentriert und angereichert mit Protein in den lädierten Muskel gespritzt wird. Für die Umstände dieser Therapie interessiert sich unterdessen auch der Antidopingermittler des Nationalen Olympischen Komitees (Coni), Ettore Torri, der Ronaldo deswegen demnächst anhören möchte. Eine entsprechende Prüfung dieser Therapie wurde bislang aber weder von der nationalen noch von der Welt-Antidopingagentur (Wada) vorgenommen. Fest steht nur, dass sie beim Coni zuvor angemeldet werden muss. Bei Ronaldo erfolgt die Anmeldung nicht.

José Luiz Runco bestätigte unterdessen, diese Therapie bei Ronaldo angewandt zu haben – Ronaldo selbst dementierte dies. „Es war wichtig, nach Brasilien zu fliegen, um eine Meinung von meinem Vertrauensarzt zu haben“, sagte er dem vereinseigenen Sender „Milan Channel“. „Ich habe ihn aufgesucht, um einen Rat von ihm zu bekommen.“ Die Milan-Führung stellt inzwischen klar, dass Ronaldo aus freien Stücken und ohne den Klub zu informieren den Ausflug nach Brasilien unternommen habe. Deswegen sei der Stürmer auch vom Verein gerügt worden. Dieser Darstellung widerspricht freilich, dass Ronaldo die Tage in Rio mit Milan-Vereinsarzt Massimiliano Sala im Schlepptau verbrachte. Offiziell hieß es von Milan dazu, der Arzt habe lediglich Ronaldos Trainingsplan überwacht.

Jetzt trainiert Ronaldo in Mailand wieder für sein Comeback. Niemand kann indes abschätzen, wie lange es dauert, man spricht von drei bis vier Wochen. „Bei einer Muskelverletzung kann man schlecht einen genauen Termin nennen“, sagte Ronaldo. Einst steht für den brasilianischen Superstar fest: „Meine Geschichte bei Milan ist noch nicht zu Ende. Im Gegenteil, sie hat erst begonnen.“

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