Neue Chance bei Hertha : Christian Lells Kampf gegen das eigene Image

Bei den Bayern steckte Christian Lell vergangene Saison in einer Sackgasse. Bei Hertha will er endlich wieder sportlich im Vordergrund stehen.

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Abgeklärt am Ball. Christian Lell wirkt meist ruhig und nachdenklich. Foto: imago sportfotodienst
Abgeklärt am Ball. Christian Lell wirkt meist ruhig und nachdenklich.Foto: imago sportfotodienst

Christian Lell lässt nicht alles mit sich machen. Im Trainingslager in Österreich wollen Boulevardreporter Fotos von den Tätowierungen auf seinen Armen machen. „Nee, so eine Geschichte wie ‚Jetzt zeigt er seine Tattoos’, das möchte ich nicht“, sagt der Zugang von Hertha BSC. „Dafür sind sie zu privat.“ Es ist ein Detail von vielen, das überrascht, wenn man Lell begegnet, dem Mann, der in Boulevard-Schlagzeilen oft nur „der Bayern-Star“ oder „Ex-Bayern-Star“ ist, wenn über die vermeintlichen Skandale um ihn berichtet wird. Doch Lell ist ein ruhiger, wacher Zeitgenosse, kein Lautsprecher, sondern jemand, der vor Antworten lange Pausen macht und gedankenschwanger auf den Boden blickt, bevor er dann sehr bedacht antwortet.

Lell ist jemand, der Hertha helfen kann und dem Hertha helfen kann. Der Berliner Fußball-Zweitligist brauchte nach dem Abgang von Lukasz Piszczek dringend einen Rechtsverteidiger und Lell brauchte endlich eine Gelegenheit, wieder sportlich von sich reden zu machen. In den Testspielen deutet er an, die erhoffte Verstärkung zu sein, auch wenn er sich in der Offensive noch zurückhält. „Hertha war der erste Verein, der auf mich zukam“, sagt Lell, „aufgrund der Gespräche gab es keinen Grund abzuwarten, ob sich noch eine andere Option ergibt.“

Herthas Kader 2010-2011
Herthas Team für die kommende Zweitliga-Saison. Obere Reihe (v. l.): Reinhard Mörz (Physiotherapeut), Kaká, Andre Mijatovic, Rob Friend, Roman Hubnik, Sebastian Neumann, Adrian Ramos, Carsten Schünemann (Konditionstrainer). Zweite Reihe von oben (v. l.): Jörg Blüthmann (Physiotherapeut), David de Mel (Physiotherapeut), Valeri Domovchiyski, Nico Schulz, Christian Lell, Fabian Lustenberger, Fanol Perdedaj, Nello di Martino (Teamleiter), Henrik Kuchno (Konditionstrainer). Zweite Reihe von unten (v. l.): Markus Babbel (Cheftrainer), Rainer Widmayer (Co-Trainer), Shervin Radjabali-Fardi, Patrick Ebert, Raffael, Ronny, Christian Fiedler (Torwarttrainer), Herthinho (Maskottchen). Untere Reihe (v. l.): Robert Abramczyk (Zeugwart), Christoph Janker, Pal Dardai, Marko Sejna, Maikel Aerts, Sascha Burchert, Lennart Hartmann, Sascha Bigalke, Hendrik Herzog (Zeugwart). Es fehlen: Gojko Kacar und Levan Kobiashvili. Foto: Mike WolffWeitere Bilder anzeigen
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22.07.2010 11:10Herthas Team für die kommende Zweitliga-Saison. Obere Reihe (v. l.): Reinhard Mörz (Physiotherapeut), Kaká, Andre Mijatovic, Rob...

Bei Bayern steckte er damals in einer Sackgasse. Im Sommer 2009 teilte ihm Trainer Louis van Gaal zehn Tage vor Ende der Transferperiode mit, nicht mehr mit ihm zu planen. Danach vermisste er den Rückhalt im Verein, den er in den zwei Jahren zuvor als Stammspieler erhalten hatte und den derzeit Franck Ribéry erhält. „Als ich gut gespielt habe, bekam ich Rückhalt, trotz privater Schlagzeilen, die völlig unbegründet waren“, sagt der 25-Jährige. „Als sie mich nicht mehr brauchten, bekam ich keinen.“

Im Training resignierte der gebürtige Münchner mehr und mehr. „Du willst dich zeigen“, sagt Lell, „aber irgendwann kommt der Punkt, wo es keinen interessiert, egal was du machst.“ Also nahm er sich eine Auszeit. Er habe das Gespräch mit van Gaal gesucht, der ihm gerate habe, etwas Abstand zu nehmen. Drei Monate lang nahm Lell nicht am Mannschaftstraining teil, trainierte für sich allein und verpasste das Saisonende mit Meisterschaft und Champions-League-Finale. Gerüchte über eine psychologische Behandlung kursierten, Lell weist sie zurück, „wir hatten beim FC Bayern einen fest angestellten Sportpsychologen, mit dem habe ich ganz normal gesprochen.“

Mit seinem eigenen Image setzt sich Christian Lell öfter auseinander. „Ich stecke in einer Schublade, dagegen anzugehen, ist ein Kampf gegen Windmühlen“, sagt er. Dabei habe es ihn „schon verletzt“, als geschrieben wurde, dass er seine damalige Lebensgefährtin geschlagen haben soll. Das Verfahren damals wurde eingestellt, „doch haften bleibt nur das Negative“. Bei Hertha sollte nun alles anders werden. Trainer Markus Babbel ernannte ihn zum stellvertretenden Kapitän, damit er sich noch mehr auf das Sportliche konzentriert.

Doch dann gab Lell einer Zeitschrift ein Interview, in dem er mysteriöse Vorwürfe über einen ehemaligen Mitspieler erhob. Warum er das gemacht hat, obwohl er doch eigentlich wieder sportlich wahrgenommen werden wollte? Lell sagt: „Es gibt Dinge, die so nicht stehen bleiben können, die erst angeschnitten und dann klargestellt werden müssen.“ Er stelle sich durchaus vor, diese Dinge später noch genauer klarzustellen. „Denn es ist etwas, das mich noch belastet, sonst hätte ich es nicht erwähnt.“ Bei Hertha sind die Verantwortlichen alles andere als glücklich über diese Äußerungen, doch offiziell kommentieren möchte sie niemand. Hoffentlich beginnt bald die neue Saison, damit wieder über Fußball gesprochen wird und den Fußballer Christian Lell, nicht den „Ex-Bayern-Star“.

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