Sport : Neue Erfahrung für Justine Hénin

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Von Martín E. Hiller

Berlin. Turnierpokal der German Open, großer Bär des LTTC Rot-Weiß, kleiner Bär des LTTC, Ehrenpreis des Berliner Senats, dazu noch eine Auszeichnung des Hauptsponsors – Justine Hénin wusste gestern vor lauter Preisen kaum noch, wo ihr der Kopf stand. Die diversen Auszeichnungen waren der Lohn für zwei Stunden harte Arbeit auf dem Tennisplatz. Die Belgierin hatte die US-Amerikanerin Serena Williams in einem spannenden und hochklassigen Finale mit 6:2, 1:6, 7:6 (7:5) geschlagen und zum ersten Mal die German Open von Berlin gewonnen.

Gleichzeitig überwand Justine Hénin den Nimbus der Unüberwindlichkeit, den die Williams-Schwestern für sie gehabt hatten. Bei allen drei Endspielen, in denen die Belgierin in diesem Jahr stand, verlor sie gegen Venus Williams, die aktuelle Nummer eins der Tennis-Welt,, und auch gegen Serena hatte sie bei ihren beiden bisherigen Aufeinandertreffen jeweils eine Niederlage einstecken müssen.

Am Sonntag zeigt Hénin von Beginn an, dass sie diesmal den Spieß umdrehen will. Die Belgierin verfügt über Grundschläge, die vom Bewegungsablauf her auch einem Mann gut zu Gesicht stünden. Besonders ihre einhändige Rückhand – unterschnitten oder durchgezogen – ist eine Augenweide. „Ich finde auch, dass ich eine wunderbare Rückhand habe, aber daran allein hat es heute nicht gelegen“, sagt Hénin nach dem Spiel. Mit ihren präzisen Grundschlägen setzt sie Williams sofort unter Druck, provoziert Fehler um Fehler bei der Amerikanerin. Nach genau einer halben Stunde hat die Spielerin aus Lüttich den ersten Satz mit 6:2 gewonnen, und es scheint, als könnte es glatt so weitergehen.

Doch Serena Williams reißt sich zusammen. Zu Beginn des zweiten Satzes ruft ein Zuschauer „Come on, Serena, zack, zack“, und die Jüngere der beiden Tennisschwestern hält sich daran. Sie erhöht den Druck, returniert auch Hénins Aufschlag immer öfter unerreichbar und gewinnt ein Spiel nachdem anderen.

Erst beim Stande von 1:5 fängt Justine Hénin wieder an dagegenzuhalten. Sie hat Vorteil bei Aufschlag Williams, als jemand ruft, „Justine, je t`aime.“ Die unerwartete Liebesbezeugung scheint die 19-Jährige aus dem Konzept zu bringen. Sie verschlägt zwei leichte Bälle hintereinander, und dann sichert sich Serena Williams mit einem Ass den zweiten Durchgang. Jetzt ist es an Hénin, sich zusammenzunehmen, und sie tut es. Das Spiel wird ausgeglichen.

Beim Stande von 6:5 kommt Hénin mit einem sehr schönen Lob und dann mit einem sehr glücklichen Netzroller zu zwei Matchbällen. Serena Williams wehrt sich, gewinnt das am härtesten umkämpfte Spiel des Nachmittags mit guten ersten Aufschlägen und ihrer einzigen Netzattacke im gesamten Spiel. Der folgende Tiebreak gerät so ausgeglichen wie der gesamte dritte Satz, bis Justine Hénin sich beim Stande von 5:5 mit einem wunderbaren Volley-Stop ihren dritten Matchball holt. „Das war der entscheidende Ball“, sagte Hénin später. Den anschließenden Ballwechsel beendet Serena Williams mit einer zu langen Rückhand, und nach 2:17 Stunden ist Justine Hénin, die im vergangenen Jahr bei ihrem ersten Auftritt an der Hundekehle im Halbfinale verletzt aufgeben musste, internationale Berliner Meisterin. „Ich musste vier Spiele über drei Sätze bestreiten. Deswegen ist es ein großer Sieg für mich“, sagte Justine Hénin.

Serena Williams nimmt die Final-Niederlage nicht allzu schwer. Bei der Siegerehrung kann sie schon wieder lachen. „Ich habe gestern noch mit Venus telefoniert, um mir ein paar Tipps zu holen, aber es hat nicht geholfen“, sagt sie anschließend. Sie freut sich aber ebenso wie ihre Gegnerin über die Woche, die eine gute Vorbereitung für das Turnier in Rom war.

Für Justine Hénin hatte die Einstimmung auf Rom und Paris auf jeden Fall Vorrang vor dem ersten Sieg über eine der beiden Williams-Schwestern: „Das war mir nicht wichtig. Von Bedeutung war heute nur, dass ich ohne Druck spielen konnte.“

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