Neue Fußball-Tortechnik : Recht und Ordnung auf der Linie

Tor oder kein Tor? Das will die Fifa künftig technisch klären – mit Hilfe von Kameraüberwachung. Die Technik kommt von der deutschen Firma GoalControl aus dem nordrhein-westfälischen Würselen. Ist das der Beginn einer glanzvollen Zukunft für die kleine Firma?

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14 Kameras werden an verschiedenen Stellen des Stadiondachs installiert und auf die beiden Tore ausgerichtet. Ein Computer errechnet daraus ein dreidimensionales Bild des Balles auf dem Platz.
14 Kameras werden an verschiedenen Stellen des Stadiondachs installiert und auf die beiden Tore ausgerichtet. Ein Computer...Foto: dpa

Die Monnetstraße in Würselen ist nicht unbedingt ein Weltboulevard. Sie verläuft ein paar Meter zwischen zwei Wendehämmern durch ein Gewerbegebiet nördlich von Aachen. Seit Dienstag aber ist es vorbei mit der vorstädtischen Ruhe, zumindest in der Hausnummer 2. Dort klingelt das Telefon unaufhörlich, Menschen aus allen Ländern rufen an und fragen nach GoalControl. Das ist der Name der Firma, die plötzlich im Zentrum der Fußballwelt steht. Am Dienstag hatte der Weltverband Fifa verkündet, dass GoalControl beim Confed-Cup 2013 in Brasilien das technische System zur Überwachung der Torlinie liefern wird – und wenn nichts schief geht auch bei der WM 2014.

Das Programm GoalControl-4D soll den Schiedsrichtern bei der kniffligen Frage helfen: Tor oder kein Tor? Es lässt die Flugkurve des Balls dabei von Hochgeschwindigkeitskameras aufzeichnen. 14 Kameras werden an verschiedenen Stellen des Stadiondachs installiert und auf die beiden Tore ausgerichtet. Ein Computer errechnet daraus ein dreidimensionales Bild des Balles auf dem Platz. Wenn der Ball die Torlinie überschreitet, bekommt der Schiedsrichter eine Nachricht auf seiner speziellen Armbanduhr angezeigt.

Die Funktionsweise ähnelt damit sehr dem Hawk-Eye-System. Die britischen Sporttechnik-Pioniere, die unter anderem auch die Tennisbälle in Wimbledon mit ihren Kameras überwachen, gehörten auch zu den Favoriten auf den Fifa-Deal. Bei der Klub-WM im Dezember war Hawk-Eye bereits getestet worden, ebenso das konkurrierende GoalRef. Das vom Fraunhofer-Institut mitentwickelte System arbeitet mit einem Chip im Ball, der von einem Magnetfeld zwischen den Torpfosten erkannt wird. Doch den Zuschlag für Brasilien bekam keiner von beiden.

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Ein wichtiges Kriterium dürfte der Preis gewesen sein. GoalControl soll laut Hersteller 200 000 Euro pro Stadion kosten, dazu kommen noch einmal 3000 Euro pro Spiel. Das Hawk-Eye-System kostet dem Vernehmen nach ein Drittel mehr. GoalRef kostet zwar nur 125 000 Euro und funktioniert auch dann, wenn der Chip-Ball durch Spieler verdeckt ist. Dafür müssen aber die Torgehäuse umgerüstet und auch spezielle Bälle mit elektronischem Innenleben produziert werden.

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Das war der Fifa offensichtlich zu viel Eingriff ins Spiel. „Die Innovation und der Unterschied zu den Mitbewerbern besteht darin, dass wir Standardtore, -bälle und -netze verwenden können“, sagt GoalControl-Geschäftsführer Dirk Broichhausen. Ein weiterer Vorteil der Kamera-Lösung gegenüber dem Chip im Ball: Kritische Szenen können wiederholt und damit transparent gemacht werden.

Der Vertrag mit der Fifa könnte die Firma aus Würselen nun in eine glanzvolle Zukunft führen. Auch wenn die Bundesliga die Torlinientechnik nicht vor 2015 einführen will und die englische Premier League wohl Hawk-Eye den Vorzug geben wird – bei knapp 200 weiteren Profiligen lockt das große Geschäft. Nur in den Europapokal-Wettbewerben wird es auf absehbare Zeit kein GoalControl geben. Uefa-Präsident Michel Platini setzt weiter auf die Torlinienrichter.

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