Sport : Neue Heimat Holland

Warum Salomon Kalou von der Elfenbeinküste auf ein WM-Spiel gegen seinen Bruder Bonaventure hofft

Stefan Hermanns

Berlin - Der vergangene Freitag war ein guter Tag im Leben des 20 Jahre alten Salomon Kalou. Er war so gut, dass sogar Marco van Basten, der Bondscoach der holländischen Fußball-Nationalmannschaft, den Stürmer von Feyenoord Rotterdam anrief. „Ich habe ihm gratuliert“, berichtete van Basten. Und dann haben beide noch ein bisschen gescherzt über die bevorstehende Auslosung für die Weltmeisterschaft: Wie es wohl wäre, wenn die Elfenbeinküste den Holländern zugelost werden würde. Kalou ist an der Elfenbeinküste geboren, er hat die ivorische Staatsangehörigkeit, und er hofft noch auf einen Einsatz bei der WM. Für Holland und gegen die Elfenbeinküste.

Die Chancen sind am Freitag ein bisschen besser geworden. Ein Gericht in Rotterdam hat entschieden, dass die für Integration und Immigration zuständige Ministerin Rita Verdonk den Antrag Kalous auf beschleunigte Einbürgerung nun doch prüfen muss. Bisher hat sie die Voraussetzungen dafür als nicht gegeben angesehen. „Durch die WM-Auslosung bekommt die Angelegenheit noch eine weitere Ebene“, hat Hollands Bondscoach Marco van Basten in Leipzig gesagt.

Sollte Salomon Kalou noch rechtzeitig eingebürgert werden, träfe er im zweiten WM-Gruppenspiel mit Holland nicht nur auf sein Heimatland, sondern auch auf seinen sieben Jahre älteren Bruder Bonaventure, der in Frankreich bei Paris St. Germain spielt. „Es könnte einen ,Brudermord’ geben“, schrieb die sonst sehr seriöse holländische Tageszeitung „NRC Handelsblad“. Auf jeden Fall wäre das Duell Kalou gegen Kalou eine weitere schöne Geschichte in einer ohnehin geschichtsträchtigen Gruppe. Denn anders als Deutschland sind die Niederländer bei der Auslosung in Leipzig nicht vom Glück begünstigt worden. Der nicht ganz so seriöse „Telegraaf“ ernannte die Gruppe C sogar zur „Gruppe des Todes“.

Schwerer hätte es für die Holländer kaum kommen können. Sie treffen auf Turnierfavorit Argentinien, auf die Elfenbeinküste, den vermutlich stärksten Teilnehmer aus Afrika, und die schwer einzuschätzende, aber wohl unangenehme Mannschaft Serbien- Montenegros, die in ihren zehn Qualifikationsspielen (unter anderem gegen Spanien und Belgien) nur ein Gegentor kassiert hat. Doch entgegen der allgemeinen Bestürzung in Holland sagte Marco van Basten: „Ich finde es gut, so anzufangen. Da muss die Mannschaft gleich hellwach ins Turnier gehen.“

Im Streit mit Ministerin Verdonk hat er nun jedenfalls ein weiteres Argument für die schnelle Einbürgerung Kalous. Van Basten hat vor zwei Wochen sogar vor Gericht ausgesagt, dass der Linksaußen auf jeden Fall einen Platz in seinem WM-Kader erhalte, wenn er rechtzeitig niederländischer Staatsbürger wird: „Salomon ist ein Talent mit besonderen Qualitäten. Er kann den Unterschied ausmachen.“ In der vorigen Saison erzielte Kalou 20 Tore für Feyenoord, gestern, im Spitzenspiel gegen PSV Eindhoven, bereitete er den 1:0-Siegtreffer für seine Mannschaft vor. In der holländischen Nationalmannschaft spielt auf Kalous Position zwar das Ausnahmetalent Arjen Robben, „aber wir sind viel zu abhängig von ihm“, sagt van Basten. „Wenn er verletzt ist, haben wir große Schwierigkeiten, selbst gegen schwache Gegner zu gewinnen. Deshalb will ich Kalou mit zur WM nehmen.“

Für Spitzensportler, die an internationalen Wettbewerben teilnehmen, ermöglichen die niederländischen Gesetze eine beschleunigte Einbürgerung. Ministerin Verdonk, Mitglied der freiheitlichen „Volkspartei für Freiheit und Demokratie“ bestreitet allerdings, dass diese Regelung für Kalou zutrifft. Er sei kein großer Gewinn für die Nationalmannschaft, hat sie vor kurzem verkündet und dafür reichlich Hohn geerntet. Zweimal hat sie es abgelehnt, die beschleunigte Einbürgerung zuzulassen. Sie unterstellt dem 20-Jährigen, dass er den holländischen Pass nur anstrebe, um mit ihm leichter zu einem großen ausländischen Klub wechseln zu können. Wolle Kalou, der 2002 nach Rotterdam gekommen ist, Niederländer werden, müsse er den normalen Prozess durchlaufen. Der kommt jedoch erst in Gang, wenn er fünf Jahre in den Niederlanden gelebt hat.

Kalous Unterstützer bescheinigen ihm, dass er anständig Niederländisch spreche und vollständig integriert sei. Doch Verdonk hält an ihrer restriktiven Politik fest. Weil sie illegal in den Niederlanden lebende Ausländer konsequent ausweisen lässt, wird sie von ihren Kritikern auch als „Deportationsministerin“ bezeichnet. Die Opposition hat erst in der vorigen Woche ihren Rücktritt gefordert, weil sie kongolesischen Ämtern – gegen geltendes Recht – Informationen über abgeschobene Asylbewerber zukommen ließ.

„Zwischen Verdonk und Kalou steht es jetzt 2:1“, schrieb die „Volkskrant“ nach dem Gerichtsentscheid vom Freitag. Bondscoach van Basten äußerte sich nach der WM-Auslosung zuversichtlich, dass die Angelegenheit doch noch in seinem Sinne entschieden wird. Ob Kalou denn nicht mit Schwierigkeiten in seiner Heimat rechnen müsse, wenn er bei der WM ein Tor gegen die Elfenbeinküste erziele, wurde er gefragt. Van Basten antwortete: „Er muss sich in den Niederlanden zu Hause fühlen.“ Wenn er denn darf.

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