Sport : Neue Heimat Schweiz

Michael Möllinger springt gegen die alten Kollegen

Benedikt Voigt

Garmisch-Partenkirchen - Irgendwann an Weihnachten blickte Familie Möllinger in Titisee in die Zukunft. Alle Familienmitglieder stellten sich vor, wie der Sohn bei der Vierschanzentournee im K.-o.-Springen gegen einen deutschen Springer antritt – und gewinnt. „Wir haben ein bisschen gewitzelt“, sagte Michael Möllinger im Schweizer Mannschaftshotel in Oberstdorf und grinste bei der Vorstellung. „Das wäre schon etwas Lässiges, ich will zeigen, dass ich mehr draufhabe, als es mir der Deutsche Skiverband zugetraut hat.“ In Oberstdorf klappte es noch nicht mit dem Duell gegen einen deutschen Springer, aber beim Neujahrsspringen in Garmisch-Partenkirchen kam der Moment – intensiv und symbolträchtig, wie ihn sich die Familie nicht besser hätte vorstellen können: Michael Möllinger sprang gegen Martin Schmitt, der einst Verschmähte gegen den einst Gefeierten, der Schweizer Aufsteiger gegen den deutschen Problemfall. Es gab nur einen feinen Unterschied: Möllinger verlor.

Mit 0,1 Punkten, dem knappsten Rückstand, der im Skispringen möglich ist, unterlag Möllinger seinem einstigen Zimmerkollegen. „Das ist die beschissenste Situation, die ich mir habe vorstellen können“, sagte er enttäuscht. Es hätte eine tolle Geschichte werden können. „Es ist keine Abrechnung, aber das Duell mit einem Deutschen hat mich besonders motiviert“, sagt Möllinger. Inzwischen weiß er: „Vielleicht war da bei mir zu viel Motivation.“

Bis zum Wettkampf von Garmisch-Partenkirchen sprang der Mann mit dem kleinen Kinnbart in dieser Saison so weit wie nie zuvor. Exakt seitdem der 23-Jährige nicht mehr für Deutschland, sondern für die Schweiz startet. „Beim DSV konnte ich mich nicht mehr entfalten“, sagt Möllinger, „für mich passt es in der Schweiz besser.“ Der Deutsche Skiverband hatte ihn im Sommer 2003 gemeinsam mit Frank Löffler ausgemustert. Offiziell, weil beide zu viel Gewicht auf die Waage gebracht hatten. Als daraus eine für den Verband unangenehme Gewichtsdiskussion erwuchs, führte er auch disziplinarische Gründe an. Das Resultat blieb das gleiche: Michael Möllinger musste ein Jahr im Weltcup pausieren. „Das wünsche ich keinem“, sagt Möllinger. Frank Löffler beendete nach einem kurzen Versuch der Rückkehr seine Karriere. „Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass ich nicht auch daran gedacht habe“, sagt Möllinger. Es kam anders.

Beim Weltcup in Planica sprach er den Schweizer Cheftrainer Berni Schödler an, ob er nicht für das Heimatland seiner Mutter starten könne. Der fand das keineswegs abwegig, sagt aber: „Ich wollte, dass er Eigeninitiative zeigt.“ Er überließ es dem Athleten, die Formalitäten für eine Einbürgerung zu erledigen. Nach einem beschleunigten Verfahren besitzt Möllinger nun zwei Pässe. Er wohnt noch in Titisee, ist nun aber Schweizer mit Schwarzwälder Akzent. Der erste Erfolg im neuen Land kam rasch: Er wurde Schweizer Meister. Bei der Tournee aber passen die Ergebnisse bisher noch nicht.

Inzwischen hat sich in Möllingers alter Heimat einiges verändert. Bundestrainer Wolfgang Steiert, der ihn einst ausgemustert hat, wurde zurückgestuft und trainiert nun die russischen Springer. Was wird, wenn der Deutsche Skiverband Möllinger zurückholen möchte? „Das geht nicht“, sagt Schödler, „es gibt eine Regel, nach der man nur einmal die Nation wechseln darf.“

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