Sport : Neue Helden braucht das Land

Der Giro d’Italia ist das zweitgrößte Radrennen der Welt – doch ohne Idole wie Marco Pantani viel kleiner als die Tour de France

Vincenzo delle Donne[Triest]

Als am 13. Mai 1909 der Startschuss zum ersten Giro d’Italia fiel, geschah dies in finsterer Nacht. Es war 2.53 Uhr. Auf dem Mailänder Piazzale Loreto hatte sich ein versprengtes Häuflein von RadsportBegeisterten versammelt, um die 127 Fahrer auf die 2448 Kilometer lange Rundfahrt zu schicken. Sie dauerte insgesamt 18 Tage. Die längste Etappe war 397 Kilometer lang. Jeder teilnehmende Fahrer wurde zuvor fotografiert.

Denn niemand kannte sie. Organisatoren und Fans sollten die Fahrer jederzeit ausmachen können. Die Pioniere des italienischen Radsports hegten insgeheim den Wunsch, das andere große, nur wenige Jahre ältere Etappenrennen zu übertreffen: die Tour de France. Die 27 akkredierten Journalisten vermerkten in ihren Artikeln, dass die Nacht lau war und die Geschichtsträchtigkeit des Ereignisses förmlich in der Luft lag. Die Organisatoren hatten nach zähen Verhandlungen die wichtigsten Radsportgrößen der Zeit für ihren ehrgeizigen Plan gewinnen können. Die Italiener Luigi Ganna, Giovanni Rossignoli, Eberardo Pavesi, Luigi Galetti und der schillernde Giovanni Gerbi, den die Tifosi „den Teufel“ nannten, hatten sofort zugesagt. Sie forderten die Franzosen Lucien Petit Breton heraus, der die Tour de France 1907 und 1908 gewonnen hatte, aber auch René Pottier, den Sieger des Jahres 1906, und Louis Trousselier, der die Tour 1905 gewonnen hatte.

Zu Beginn gehörte es zur gutnachbarschaftlichen Tradition, dass die Radsportgrößen aus den beiden Ländern an den jeweiligen Etappenrennen teilnahmen. Später stellte sich heraus: Wer in die Annalen des Radsports eingehen wollte, musste sie möglichst hintereinander gewinnen. Das war die größte vorstellbare sportliche Leistung.

Doch die ganz großen Mythen, auch die italienischen, wurden später auf der Tour de France geschaffen. Das toskanische Kraftpaket Gino Bartali, aber auch der piemontesische Radstilist Fausto Coppi gehörten bis zur Mitte des Jahrhunderts zu ihnen. Danach fehlten den Italienern lange Jahre solche legendären Fahrer. Bis der glatzköpfige Kletterspezialist Marco Pantani die Szene betrat und 1998 sowohl den Giro d’Italia als auch die Tour de France gewann. Pantani war auf dem Höhepunkt seines Erfolgs. Und er hatte durch seinen Doppelsieg auch den Giro, der gegenüber der Tour im Laufe der Zeit an Bedeutung verloren hatte, wieder aufgewertet.

Auch deshalb wird der im Februar an einer Überdosis Kokain verstorbene Pantani derzeit zu einer Ikone verklärt. Seine Familie wiederholt immer wieder die Vorwürfe, die der „Pirat“ selbst in den letzten Jahren geäußert hatte. Seine Mutter Tonina sagt: „Marco ist schon 1999 in Madonna di Campiglio gestorben.“ Am Morgen der vorletzten Etappe des Giro d’Italia 1999 klopften die Dopingkontrolleure an seine Hoteltür in Madonna di Campiglio und baten den erstplatzierten Pantani und die hinter ihm liegenden Fahrer zur Blutprobe. Pantani fühlte sich kurz vor seinem zweiten Giro-Sieg in Folge schon wie ein leibhaftig gewordener Mythos und wertete die Aktion als Affront. Seine Triumphe des Vorjahres hatten in Italien einen unbeschreiblichen Freudentaumel ausgelöst, und jetzt war er im Begriff, noch Größeres zu leisten.

Das Ergebnis der Dopingkontrolle war niederschmetternd. Pantanis Hämatokritwert lag über der zulässigen 50-Prozent-Marke, er musste laut Reglement suspendiert werden und wurde in den Medien als Dopingsünder dargestellt. Pantani wies die Vorwürfe immer wieder vehement von sich und redete von Manipulationen, den Makel des Dopingsünders wurde er aber nicht mehr los. Im Gegenteil. Drei Staatsanwaltschaften ermittelten gegen Pantani wegen Sportbetrugs. Er fiel in eine schwere Depression, die ihm schließlich zum Verhängnis wurde.

Trotz all dieser Geschehnisse ist Marco Pantani in den Augen der Tifosi ein Mythos geblieben. Auch posthum verleiht er dem Giro, der in den letzten Jahren zu einer Art italienischen Meisterschaft verkommen ist, noch ein bisschen Glanz. Das schaffen weder der zweimalige Sieger Gilberto Simoni noch der Sprintstar Alessandro Petacchi, der in diesem Jahr schon sechs Etappen gewonnen hat. Petacchi begeistert die Fans nur kurz auf der Zielgeraden, der Kämpfer Pantani machte das während einer gesamten Etappe. Vielleicht kann ja der bis gestern im Gesamtklassement führende, erst 22-jährige Damiano Cunego eines Tages an die Erfolge Pantanis auch bei der Tour de France anknüpfen.

Als der Giro-Tross durch die Romagna, durch „Pantani-Land“ („Gazzetta dello Sport“) fuhr, erhob Tonina Pantani übrigens schwere Vorwürfe gegen Marcos dänische Freundin Kristine: „Sie hat gesagt, dass Marco sie zur Einnahme des Kokains animiert hat. In Wahrheit hat sie ihm das Zeug gegeben und ihn in eine Sackgasse getrieben.“ Von Wut zerfressen, verteidigte sich die Mutter: „Die Leute denken, dass wir Marco im Stich gelassen hatten. Dabei haben wir mit allen Mitteln versucht, ihn zu retten.“

Eine verzweifelte persönliche Generalabrechnung mit der Vergangenheit. Trotzdem gehörte sie zu den wenigen Highlights des 87. Giro. Italien mangelt es an großen Radsporthelden, und die Stars der anderen Nationen kommen schon länger nicht mehr. Lance Armstrong oder Jan Ullrich konzentrieren ihre Saisonplanung auf die international alles überstrahlende Tour de France im Juli, die den kleinen Bruder aus Italien immer stärker in die Schranken nationaler Bedeutung zurückdrängt.

Auch in Italien selbst ist das Medieninteresse nach Pantanis Tod eher flau. Sogar die „Gazzetta dello Sport“, die die Rundfahrt organisiert, hält sich bei der Berichterstattung zurück. Einst berichtete die größte Sportgazette des Landes in epischer Breite und mit unnachahmlichen Hyperbeln über das Ereignis. Inzwischen quält sich der Giro durch den Apennin, als wäre er auf der verzweifelten Suche nach einem neuen Idol, das den alten Ambitionen neues Leben einhaucht.

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