Sport : Neue Männer braucht der Klub

Andrius Jurkunas soll Alba neuen Schwung bringen

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Von Helen Ruwald

Berlin. Den Kaugummi im Mund, die silbern glänzende Sonnenbrille auf der Stirn, so ging Andrius Jurkunas in Berlin auf Sightseeing-Tour. Die Stadt ist riesig, das Gebiet, das der 26-jährige Litauer erkundete, winzig: Es beschränkte sich auf die Cantianstraße 24 in Prenzlauer Berg und einen Sportplatz 100 Meter weiter. In der Geschäftsstelle des deutschen Basketballmeisters Alba Berlin lief der neue Flügelspieler nicht einmal zwei Stunden nach seiner Landung am Flughafen Tegel von Tür zu Tür.

„Hier ist die Dame mit dem Geld“, sagte Geschäftsführer Robert Meyer einmal, an anderer Stelle bekam Jurkunas vier riesige Kartons mit Sportschuhen in die Hand gedrückt. An den Wänden hängen signierte Mannschaftsposter der verganenen Jahre. Die Männer darauf sind Siegertypen, sechsmal gewann Alba in den vergangenen sechs Jahren die deutsche Meisterschaft. Doch die vergangene Saison war mühsam, erst in den Play-offs fanden die Berliner zu gewohnter Stärke. Daraufhin trennte sich der Klub von sieben Spielern, den Leistungsträger Wendell Alexis, Derrick Phelps, Dejan Koturovic und George Zidek, außerdem von den Bankspielern Sven Schultze, Stipo Papic und Tommy Thorwarth.

Neue Männer braucht der Klub, solche wie Andrius Jurkunas, den Alba vor einer Woche verpflichtet hat. „Ich habe keine fünf Minuten überlegt“, sagt Jurkunas, der zuletzt einige Monate für Polonia Warschau spielte. Nach dem Saisonende flog er für zwei Monate nach Charleston, South Carolina, die Heimatstadt seiner Frau. Er hielt sich bei einem Collegeteam fit, ehe er vor drei Wochen ohne Frau und den knapp zweijährigen Sohn nach Europa zurückkehrte, um auf Jobsuche zu gehen. „Hapoel Jerusalem und ein griechischer Klub hatten Interesse, aber das war nicht so konkret wie bei Alba“, sagt Jurkunas. Also sagte er sofort Ja, als die Berliner ihm einen Einjahresvertrag mit Option auf ein weiteres Jahr anboten.

„Ich habe gehört, dass Alba ein sehr professioneller Klub ist“ – keine Selbstverständlichkeit, wie der 2,05 Meter lange Basketballer, Spezialist für Rebounds und Würfe von außen, festgestellt hat. Vor zwei Jahren wechselte er vom Clemson College in South Carolina zu Zalgiris Kaunas und spielte in der Europaliga. Doch im Dezember 2001, mitten in der Saison, zog er nach Warschau. „Zalgiris hatte finanzielle Probleme“, sagt Jurkunas. Der Klub konnte ihn nicht mehr bezahlen? „Das habe ich nicht gesagt.“ Aber, so ist herauszuhören, gemeint.

Probleme gab es wohl auch anderswo, mit der Nationalmannschaft. Bei der EM 2001 in der Türkei, wo Litauen überraschend in der Vorrunde scheiterte, stand Jurkunas noch in der Stammformation. Beim Supercup vor zwei Wochen in Braunschweig fehlte er. Auch hier ergeht sich der Litauer in Andeutungen. Die vielen Trainingslager mit der Nationalmannschaft würden auf Kosten der Familie gehen, sagt er – und hinterlässt doch den Eindruck, dass mehr dahinter steckt. Künftige Einsätze für sein Land schließe er nicht aus, sagt er. Es kingt zögerlich.

Vorerst genießt Alba Priorität. Nach dem Besuch der Geschäftsstelle lernte Jurkunas den Sportplatz mit 400-Meter-Bahn neben der Max-Schmeling-Halle kennen – eine Anlage für Jedermann. Seine Mannschaftskameraden waren bei einem Testspiel in Mecklenburg-Vorpommern, Profi Jurkunas drehte gemeinsam mit Hobbysportlern seine ersten Runden in Berlin und sprang ein bisschen Seil. Dann war das Hauptstadt-Sightseeing erst einmal beendet.

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