Neue Methoden : Training für den Charakter

Tore schießen ist nicht mehr alles: Wer heute in der Bundesliga spielt, muss auch an seiner Persönlichkeit arbeiten. Dafür sorgen Berater und Trainer – mit Feng-Shui, Wildwasser-Rafting und Bildungsprogrammen.

Mathias Klappenbach

Michael Frontzeck war begeistert von seinem neuen Mitarbeiter. „Nico Herzig ist vollends drin. Bei ihm sieht man, wie ihn der frühe Job in England hat reifen lassen. Um die Wohnung und all die organisatorischen Dinge in Bielefeld hat er sich komplett selbst gekümmert“, sagte der Trainer von Arminia Bielefeld in einem Interview mit der „Neuen Westfälischen“. Toll, ein neuer Arbeitnehmer, der sich selbst eine Bleibe sucht und womöglich alleine ummeldet? Keiner von den verwöhnten Millionarios, die zwar gelernt haben, eine Schleife bei ihren Fußballschuhen zu binden, bei der Doppelschleife aber immer noch Hilfe brauchen?

Frontzecks Lob für einen 24 Jahre alten Mann ist bezeichnend für das, was den Fußballspielern immer noch alles abgenommen wird, und es ist noch bemerkenswerter, dass Frontzeck Herzigs Fähigkeiten auf den mehrjährigen Auslandsaufenthalt des Verteidigers zurückführt.

Immer noch zu verwöhnt

Denn in der Bundesliga, so zumindest das Bild, sind Profis und gerade die Jungprofis immer noch zu verwöhnt. Eintracht Frankfurts Vorstandschef Heribert Bruchhagen forderte in der vergangenen Woche in der „Frankfurter Rundschau“, dass nicht rote, gelbe oder grüne Schuhe wichtig sein dürften: „Man hat ja den Eindruck, als könne man in schwarzen Schuhen nicht mehr spielen.“ Er wünscht sich Spieler, die „sich morgens um sechs den ‚Kicker‘ kaufen und sich ihre Schmerzen auf dem Platz holen und nicht beim Tätowieren“. Und keinerlei Verständnis besitzt der jetzt 60-Jährige dafür, wenn die Mannschaft am Freitagabend im Hotel ist und sich keiner im Fernsehen das Spiel des übernächsten Gegners anguckt. Denn er erwartet von den Spielern, dass „sie ihren Beruf ernst nehmen und sich ausschließlich darauf konzentrieren“.

Das soll beim FC Bayern ein Mann garantieren, der wie Nico Herzig aus dem Ausland nach Deutschland zurückgekehrt ist. Jürgen Klinsmann wird als der Anführer einer neuen Zeit betrachtet, in der die Persönlichkeitsentwicklung der Angestellten in den Fußballklubs stärker in den Vordergrund rückt. Ob dabei nun Accessoires wie Buddha-Figuren das Ambiente etwas verschönern sollen ist nebensächlich, denn das Umfeld soll die Kommunikation, die Zusammenarbeit und damit – irgendwie – auch die fußballerische Leistung fördern. Wie sehr Klinsmann dabei aber mit alten Mentalitäten zu tun hat, zeigt, dass die so gar nicht religiös gedachten Buddhas jetzt wieder abmontiert wurden, weil sich kirchliche Würdenträger in Bayern beim Klub beschwert hatten. Der Muslim Franck Ribéry hatte das nicht getan, und hätten sie jetzt Kruzifixe aufgehängt, hätte er das wohl auch nicht.

Ribéry gehört zu den Profis, bei denen Klinsmann sich gar nicht so viel Mühe mit dem „Empowerment“ geben muss, also den Maßnahmen, die den anderen in die Lage versetzen sollen, eigenständig und selbstverantwortlich zu handeln – und das Bildungsparadigma des „lebenslangen Lernens“ anzunehmen.

TSG Hoffenheim ganz vorn

Wenn in der Wirtschaft von „Persönlichkeitsentwicklung“ die Rede ist, ist damit gemeint, dass der Mitarbeiter zu besseren Leistungen fähig ist, wenn er Leidenschaft zum Lernen besitzt und sich weiterentwickeln möchte. Hinzu kommt die Bereitschaft, Führung und Hilfe anzunehmen. Dass Klinsmann mit seinen Impulsen aus den USA kommt, ein ungewohntes Vokabular benutzt und beim FC Bayern arbeitet, rückt ihn in den Fokus. Dennoch sind die Münchner nicht die einzigen, die sich auch auf diesem Gebiet weiter professionalisieren und die in der Bundesliga inzwischen gängigen Teambuilding-Maßnahmen wie Wildwasser-Rafting in die Saisonvorbereitung integrieren. Vorne dabei ist auch hier, na wer wohl, natürlich die TSG Hoffenheim mit ihren vielen jungen, entwicklungsfähigen Spielern.

Hier wird schon bei der Verpflichtung von Spielern sehr genau hingeschaut. „Die Persönlichkeitsstruktur und eine hohe Eigenmotivation spielen bei uns eine große Rolle“, sagt Manager Jan Schindelmeiser. „Es ist sehr gut, wenn ein Spieler selbst weiß, dass er noch lange nicht alles kann.“ Ein Wort erwähnt der Manager im Gespräch immer wieder: „Respekt.“ Er meint damit nicht das, was etwa die letzte, entschwundene Generation von Jungprofis bei Hertha BSC darunter verstand, wenn sie dachte, dass der beste Käfigfußballer aus dem Kiez bei den Bundesligaprofis einen gewissen Status einfordern könne, ohne schon etwas Entscheidendes geleistet zu haben. Solche Spieler fallen hier durch das Raster.

Das Projekt Hoffenheim funktioniert so, dass nicht geguckt wird, welche Spieler gerade auf dem Beratermarkt angeboten werden. Die potenziellen neuen Mitarbeiter und ihr persönliches Umfeld werden überall gescoutet, auch und gerade im Training bei ihren Vereinen – Jürgen Klinsmann würde das „proaktiv“ nennen. Wer dort dem Zeugwart seine Sachen respektlos hinpfeffert, hat schlechte Chancen.

"Im richtigen Moment fokussieren"

Wer es aber schafft, kann in Hoffenheims ganzheitlichem Konzept für seine berufliche Zukunft die Hilfe von zwei professionellen Laufbahnberatern in Anspruch nehmen, und auch über das klassische Schlauer-Fußballer-BWL-Fernstudium hinauskommen. Es gibt eine Uni-Kooperation für ein Präsenzstudium. Dass die Profis hier, wie einst die von Hertha, einen Strafaufsatz für den Manager darüber schreiben sollen, was ihnen der Verein bedeutet, erscheint absurd. „Es ist im Profibereich nicht so einfach umzusetzen, aber wir halten es für wichtig, dass die Fußballer auch noch eine Parallelwelt haben“, sagt Jan Schindelmeiser. Doch was bringt mir all das alles eigentlich, wenn ich auf dem Platz im Elfmeterschießen vom Mittelkreis zum Punkt gehen muss, Herr Schindelmeiser?

„Es hilft, sich im richtigen Moment fokussieren zu können und nicht zu überlegen, was aus mir wird, wenn ich verschieße. Es fördert das konstruktive Denken im richtigen Moment, die Konzentration auf den wesentlichen Vorgang.“ Denn wer vorm Tor zu lange überlegt, hat noch immer verschossen. Es wird schwer messbar sein, was die Persönlichkeitsförderung von Fußballprofis für deren Leistung bringt. Im Kern der ganzen neuen Leistungszentren, wie sie gerade in Hoffenheim gebaut werden und es sie bei anderen Klubs inzwischen schon gibt, steht ohnehin die moderne, computergesteuerte Leistungsdiagnostik für die Ausarbeitung weiter individualisierter, rein sportlicher Trainingspläne.

Das ist auch in München nicht anders, nur gibt es dort halt die größte und schönste Feng-Shui-Lounge mit den abwechslungsreichsten Angeboten. Bei den Erwartungen an die Effekte besserer Kommunikation und Horizonterweiterung gerade bei etwas älteren Spielern (siehe Interview rechts) sollte man aber vielleicht erst einmal, um in der Fußballsprache zu bleiben, den Ball flach halten und zufrieden sein, wenn die Spieler alleine umziehen können.

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