Sport : Neue Reizfigur

Oliver Trust

Die Problemzone liegt irgendwo zwischen Kniegelenk und Hüftpfanne. Sebastian Kehl greift sich auf dem Trainingsplatz an den Oberschenkel, gleichzeitig stöhnt er leise auf. Es ist die einzige Gefühlsregung, die der 21-Jährige an diesem Tag von sich gibt. Der Hoffnungsträger des deutschen Fußballs schweigt. In den Tagen vor dem Uefa-Cup-Rückspiel des SC Freiburg gegen Feyenoord Rotterdam am Donnerstag (20.30 Uhr, live im ZDF) erhielt Sebastian Kehl Redeverbot von seinem Verein. Der Star ist zur Reizfigur geworden.

Kehl steckt im Formtief. Sein Klub verliert, und ihm raubt die Entscheidung, ob er zu Bayern München oder Borussia Dortmund wechseln soll, die Konzentration. "Ich würde keinen großen Geldbetrag wetten, dass er bleibt", sagt Freiburgs Manager Andreas Rettig. Kehl wird gehen, damit haben sich die Freiburger schon fast abgefunden. "Nur ist es schlecht, wenn sich alles um eine Person dreht, das ist störend", sagt Rettig. Weil ihn der Sportclub sanft darum gebeten hat, schweigt Kehl jetzt. Er spürt wie sehr Trainer Volker Finke den Rummel um ihn verabscheut. In vielen Gesprächen hat ihn Finke, der Kehl für 200 000 Mark vor eineinhalb Jahren aus Hannover holte, gewarnt. "Die Gewichtungen haben sich verschoben, zugunsten des Sprechens", sagt Rettig nun.

Eine schwierige Situation für den Youngster, der nicht nur auf dem Spielfeld plötzlich orientierungslos wirkt. Oft spüre er eine große Leere, sagte Kehl. "Es ist eine neue, schwierige Situation für mich. Ich werde mehr beobachtet - damit muss ich umgehen lernen." Die Last aber erscheint im Moment zu schwer. Den Klub aus der Krise führen, einen neuen Verein suchen und die Zukunft des deutschen Fußballs gestalten? Sebastian Kehl schwächelt in allen Punkten. Finke und Rettig aber wollen den Verlust der inneren Balance der Mannschaft im Breisgau nicht tatenlos hinnehmen. Kehl steht nun nicht mehr nur für erfrischenden Fußball Marke Freiburg, sondern auch als Problemfall da, der auf den gesamten Klub ausstrahlt. Noch vor der Winterpause könnte Freiburg vieles verspielen. Aus im Uefa-Cup, Abstiegsnöte in der Bundesliga. Auch, weil es mit den spektakulären Taten des Mannes aus dem defensiven Mittelfeld erst einmal vorbei ist. "Die wichtigen Dinge treten in den Hintergrund", sagt Rettig. Kehl wird herumgereicht wie ein Pokal. Interviews, Anrufe, Einladungen. "Wir sind als Protagonisten hilflos", sagt Coach Finke und meint die Konkurrenz aus München und Dortmund.

Der Manager sieht das ähnlich. "Wir sind chancenlos, geht es nur nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten" erklärt Rettig und versichert, dass die Klubführung nicht nur an den Verein denke. "Es gibt gute Gründe zu wechseln". Dann aber bitte ohne das Brimborium der letzten Wochen. In ein paar Wochen will Kehl seine Entscheidung bekannt geben. Bis dahin haben Finke ("Wir beraten ihn") und Rettig in vielen Gesprächen noch einen guten Rat: "Am schnellsten kommt er aus der Krise, wenn er gute Leistungen zeigt." Das könnte im Südwesten sogar den Schmerz über den Verlust eines wichtigen Spielers lindern.

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