Neue Saison : Was plant Hertha?

Die Meisterschaft hat Hertha BSC verpasst. Jetzt geht es am letzten Spieltag gegen Karlsruhe um die Qualifikation für die Champions League. Was bedeutet das für die Planungen zur neuen Saison?

Stefan Hermanns

Es kommt nicht oft vor, dass Fußballprofis in aller Öffentlichkeit ihre Ahnungslosigkeit zugeben. Andrej Woronin, der Stürmer von Hertha BSC, hat das in der vergangenen Woche getan. Ende der Saison endet Woronins Vertragsverhältnis mit dem Berliner Bundesligisten, er ist vom FC Liverpool nur ausgeliehen, und seit Ende Januar drängt der Ukrainer auf eine rasche Entscheidung, was seine persönliche Zukunft angeht. Er würde mit seiner Familie gerne in Berlin bleiben, doch eine Verpflichtung Woronins wäre für Hertha nur zu finanzieren, wenn sich die Mannschaft für die Champions League qualifiziert. Im Idealfall fällt die Entscheidung am kommenden Wochenende; es könnte aber auch sein, dass Hertha und Woronin bis Ende August im Ungewissen bleiben. Sollten die Berliner die Saison als Dritter beenden, müssten sie erst noch eine Qualifikationsrunde zur Champions League bestreiten. Was das für ihn bedeuten würde, hat die Fachzeitung „Kicker“ Woronin daher gerade gefragt. „Die Frage hab ich mir auch schon gestellt – und keine Antwort darauf gefunden“, hat Woronin darauf geantwortet.

Wenn die Berliner am Samstag zum Saisonabschluss beim Karlsruher SC gewinnen, sind sie auf jeden Fall Dritter – Planungssicherheit aber hat Hertha dann noch lange nicht. Mit welcher garantierten Einnahme kann Hertha BSC für die neue Saison rechnen? Davon hängt auch ab, wie die Mannschaft ab dem Sommer aussehen wird. Sicher ist nur, dass mit Marko Pantelic ein Großverdiener den Klub verlässt. Die Chance, dass sein Sturmpartner Andrej Woronin in Berlin bleibt, ist in den letzten Wochen eher gesunken. Trainer Lucien Favre hat den Ukrainer zuletzt zweimal auf der Bank gelassen. Woronin beklagte sich am Samstag über die vorsichtige Taktik beim Spiel gegen Schalke. Herthas Trainer hat auf diese Kritik nur indirekt reagiert: Franck Ribéry habe vor einer Woche beim Spiel der Bayern in Cottbus auch nur auf der Bank gesessen. „Er kommt rein, er macht den Unterschied“, sagte Favre. „Das ist eine Antwort.“ Woronin brachte nach seiner Einwechslung gegen Schalke wie schon in Köln nichts Gescheites zuwege.

Weiter konservativ wirtschaften

Wenn neben Pantelic auch Woronin ginge, hätte Hertha neben Raffael nur noch zwei Perspektivstürmer im Kader, den 22 Jahre alten Waleri Domowtschiski und den ein Jahr jüngeren Amine Cermiti. Favre braucht also in jedem Fall noch einen arrivierten Angreifer. Die bisher gehandelten Kandidaten, zum Beispiel der Argentinier Lucas Barrios vom chilenischen Klub Colo Colo, gelten noch als zu teuer. Es sei denn, Hertha erschließt mit der Qualifikation für die Champions League eine neue und vor allem lukrative Geldquelle. Die Differenz zwischen Champions League und Europa League, dem Nachfolger des Uefa-Cups, liegt bei rund 15 Millionen Euro. Hinzu käme für die Qualifikation zur Champions League eine Prämie von einer Million Euro vom Hauptsponsor Deutsche Bahn.

Angesichts von immer noch 30 Millionen Euro Schulden muss Hertha weiterhin konservativ wirtschaften. Das Präsidium des Klubs steht für eine strikte Ausgabendisziplin und hat sich in dieser Frage mit dem wesentlich forscheren Manager Dieter Hoeneß zerstritten. Ohne Einnahmen aus der Champions League müssten die Berliner in diesem Sommer einen Transferüberschuss von fünf Millionen Euro erwirtschaften, um die zu erwartenden Folgen der Wirtschaftskrise zu kompensieren. Der Personaletat soll von 31 Millionen Euro auf 28 Millionen reduziert werden.

Sollte Hertha Ende August endlich die gewünschte Planungssicherheit haben, bliebe nicht mehr viel Zeit, das Geld noch in die Mannschaft zu investieren. Schon fünf Tage nach dem Qualifikationsrückspiel endet die Transferperiode. Trotzdem sagt Herthas Manager Hoeneß: „Diese Schwierigkeiten hätte ich gerne.“

Abschreckende Beispiele

Dabei hält die Geschichte einige abschreckende Beispiele bereit. Der Hamburger SV war im Sommer 2006 in einer ähnlichen Situation, in der Hertha in einer Woche sein könnte. Am letzten Spieltag verschluderte er mit einer Niederlage gegen Bremen die direkte Qualifikation für die Champions League. Teure Einkäufe waren angesichts der Unsicherheit nicht möglich. Der HSV musste erst das Ergebnis der Qualifikation abwarten. Als er dann tatsächlich den Einzug in die Champions League geschafft und damit den Zugang zu den Geldtöpfen hergestellt hatte, war der Markt bereits leer. Der HSV konnte seine Mannschaft nicht für die Doppelbelastung aufmotzen. Aus der Champions League verabschiedete er sich mit fünf Niederlagen aus sechs Spielen, in der Bundesliga stürzte er im Winter auf den letzten Tabellenplatz.

Man kann es natürlich auch so machen wie die Dortmunder, die 2003 mit allem rechneten – nur nicht damit, dass sie in der Qualifikation zur Champions League am FC Brügge scheitern würden. Das große Geld war nicht nur eingeplant, es war längst ausgegeben. Dann scheiterte Dortmund im Elfmeterschießen und geriet an den Rand des finanziellen Ruins.

Vierzehn deutsche Mannschaften sind bisher in der Qualifikation zur Champions League angetreten, neben Dortmund scheiterten nur zwei: 1860 München 2001 gegen Leeds und im vergangenen Jahr Schalke gegen Atletico Madrid. Hertha setzte sich 1999 ohne große Mühe gegen Anorthosis Famagusta durch. Ein ähnliches Leichtgewicht dürften die Berliner diesmal allerdings nicht erwarten. Der europäische Fußballverband Uefa hat zur neuen Saison den Qualifikationsmodus geändert. Der Bundesligadritte trifft auf einen Gegner aus einem der 15 besten europäischen Ländern. Das könnte der Vizemeister aus Tschechien oder Belgien sein, aber auch der AC Florenz, Olympique Lyon oder der FC Arsenal.

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