NEUE SERIE : Franz Beckenbauer: "Netzer hat das ganze Spiel vorausgedacht"

Meine EM – in unserer Serie erinnern sich deutsche Nationalspieler an ihre besonderen Turnier-Momente. Heute: Franz Beckenbauer über den Titelgewinn 1972 und das Geniale an Günter Netzer.

Beckenbauer
Wir, die Helden. Beckenbauer und Netzer freuen sich über den EM-Sieg 1972.Foto: dpa

Viele sagen, dass wir die beste deutsche Nationalmannschaft aller Zeiten waren. Ich kann das nicht so richtig einschätzen, ich war ja dabei.

Wir sind einfach auf den Rasen gegangen und haben losgespielt. Nach dem Spiel sind wir wieder runtergegangen, meistens als Sieger. Manchmal mussten wir rennen, weil die Zuschauer so begeistert waren, dass sie sofort aufs Spielfeld stürmten. Auch die Medien waren außer sich. Von „Rambazamba-Fußball“ war damals die Rede, eine Zeitung schrieb von „Fußball aus dem Jahr 2000“, aber das hat mich eher amüsiert. 2000 – das ist ja noch fast 30 Jahre hin, dachte ich. Die euphorischen Einschätzungen unserer Mannschaft, mit der ich 1972 den EM-Titel gewinnen durfte, die Legenden vom „Wunderteam“, sie halten bis heute an. Mich stört das natürlich nicht, aber es ist auch nicht viel mehr als eine Spielerei. So habe ich schon damals gedacht, sonst hätte ich mich wahrscheinlich auch gar nicht auf die Spiele konzentrieren können.

Natürlich waren wir eine sehr gute Mannschaft, wer wollte das bestreiten? Günter Netzer und ich haben uns in der Mitte ideal ergänzt, und vorne wirbelte Gerd Müller alles durcheinander. Ich hatte es ja vor allen Dingen mit Günter Netzer zu tun, und was soll ich sagen: Er war ein genialer Spieler. Er konnte Kunststücke am Ball, die man zuvor von kaum einem Spieler gesehen hat. Fast jeder Pass von ihm war überraschend, nicht nur für die Gegner. Blitzschnell hat er die Seiten gewechselt, das ganze Spiel vorausgedacht.

Mich persönlich haben die Pässe von Günter nicht überrascht. Das lag an dem Vorgänger von ihm in der Nationalmannschaft: Helmut Haller. Ich hatte das Glück, schon 1966 mit ihm zusammen spielen zu dürfen. Helmut Haller war ein neuer Spielertyp, ein ganz raffinierter. Von ihm habe ich gelernt, dass man in jeder Minute des Spiels aufpassen muss wie ein Luchs, denn Haller hat nach rechts geschaut und dich dann auf der linken Seite angespielt. Günter spielte ähnlich, und mein Vorteil war es, dass ich mich an diese Raffinesse schon gewöhnt hatte. Er war für mich der ideale Spielpartner, wir verstanden uns, ohne aufzuschauen. So etwas habe ich in meiner späteren Karriere als Fußballer nicht mehr erlebt.

Unsere Mannschaft von ’72 hat zwei Jahre später noch den Weltmeistertitel geholt. Der Kern dafür, die Basis, das alles ist bei der Europameisterschaft gelegt worden. Wir haben ja danach nur auf einer Position gewechselt: Wolfgang Overath spielte später für Netzer. Er war ein ganz anderer Typ, mit dem konnte man nicht so raffiniert zusammenspielen. Wolfgang wollte selbst nach vorne, mit dem musstest du dann Kombination spielen, damit das Spiel überraschend wurde. Die anderen spielbestimmenden Positionen in der Nationalmannschaft sind nach der Europameisterschaft 1972 gleich geblieben.

Wir haben im Wembleystadion gewonnen: Mit vielen Verletzten sind wir da angetreten, mit der Gewissheit, dass hier noch nie eine deutsche Mannschaft gewonnen hatte und der Angst vor dem Spiel, fünf Dinger reinzukriegen. Stattdessen haben wir 3:1 in Wembley gewonnen und dann den EM-Titel geholt. Wir waren Europameister, dann Weltmeister und haben zu Hause das ganze Land vom Fußball begeistert. Außerdem waren wir mit den Bayern drei Mal hintereinander Europapokalsieger, und Mönchengladbach hat noch den Uefa-Pokal gewonnen. Nun, wenn ich es mir recht überlege, stimmt es schon: Es war die beste Zeit des deutschen Fußballs.

Aufgezeichnet von Robert Ide.

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