Sport : Neue, ungeliebte Rolle

Frankfurt Lions erkennen trotz Sieges zum Play-off-Auftakt, wie hart der Weg zur Titelverteidigung ist

Claus Vetter

Berlin - So richtig glücklich schienen sie am Donnerstagabend bei den Frankfurt Lions nicht zu sein. Dabei hatte der Deutsche Eishockey-Meister doch Grund zur Freude. In einem dramatischen Spiel mit dramatischem Finale hatten sie die Hamburg Freezers 3:2 bezwungen. Francois Bouchard hatte das entscheidende Tor neun Sekunden vor der Schlusssirene erzielt. Ein gelungener Play-off-Auftakt für die Lions. Oder nicht? Beim Sieger des ersten Spiels der Viertelfinalserie Best of seven fielen die Jubelarien verhalten aus. Frankfurts Manager Lance Nethery sagte: „Ich wusste, dass es schwer wird gegen Hamburg, und es wird in den kommenden Spielen noch schwerer werden.“

Die Lions demonstrierten im Endspurt, was ein Spitzenteam ausmacht. Sie hatten dabei das Glück auf ihrer Seite, weil ein Hamburger im Frankfurter Drittel vor dem Kontertor durch Bouchard den Puck verschludert hatte. Und die unerfreuliche Erkenntnis für den absoluten Favoriten im Kampf um den Titel in der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) war daher auch: Frankfurt war im ersten Spiel nicht besser, sondern glücklicher als Außenseiter Hamburg, der als Tabellenachter und somit schlechtestes Team der Hauptrunde die Play-offs erreicht hatte.

Es schien so, als fühle sich der Favorit in seiner neuen Rolle nicht wohl, auch wenn Frankfurts Trainer Rich Chernomaz beteuert hatte: „Mein Team kann damit umgehen, es nimmt die Rolle an.“ Aber sie birgt Nachteile in sich: Die Erwartungshaltung am Main ist größer als im Vorjahr, in dem die Lions als Außenseiter Meister wurden. Das war am Donnerstag an der phasenweise fast gelangweilten Stimmung in der Frankfurter Halle zu spüren. Niemand möchte sich bei den Lions lang mit den Freezers beschäftigen. Der Titel ist das Ziel in Frankfurt, der Weg über das Viertelfinale der undankbarste Teil für Spieler und Fans – auch weil der Gegner unerwartet stark ist.

Boris Capla überrascht es nicht. „Viele unserer verletzten Spieler sind wieder dabei“, sagt der Geschäftsführer der Freezers. „Wir haben gezeigt, dass wir gewillt sind, mehr als das Rahmenprogramm für Frankfurt darzustellen.“ Dem war so, obwohl Hamburg mit Unwägbarkeiten zu kämpfen hatte. Torwart Jean-Sebastien Giguere kämpfte mit Kreislaufproblemen, musste sich gar übergeben. Boris Rousson ersetzte ihn im letzten Drittel. Trainer Mike Schmidt, unter dessen Führung die Freezers engagierter agieren als unter dem am 2. März entlassenen Dave King, sagte: „Wir waren im letzten Drittel dem Sieg näher, daher ist es bitter, so zu verlieren.“ Was aber am Ende nichts mehr heißen muss, wie Geschäftsführer Capla findet. „Wir liegen nur 0:1 hinten, es gibt noch sechs Spiele“ – wenn die „Best-of-seven“-Serie bis zum Ende ausgereizt wird.

Ganz so unwahrscheinlich ist das nicht. Zumal die Freezers auf die Unterstützung ihres treuen Publikums bauen können. Die 26 000 Karten für die ersten beiden Spiele in der Color-Line-Arena sind verkauft. Donnerstagmorgen campierten die ersten Fans schon um 1 Uhr 30 an den Kassen des Hamburger Stadions – der Vorverkauf begann um 7 Uhr. Mit dieser Euphorie im Rücken kann der Außenseiter den Meister, dem seine Favoritenrolle weniger behagt, als er zugibt, in der Play-off-Serie noch mehr ärgern, als den Frankfurtern lieb sein kann.

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