Sport : Neue Verhältnisse Bedingt angriffsbereit

Werder ärgert sich über ein Remis gegen die Bayern Stuttgarts Mini-Krise wird an Kevin Kuranyi festgemacht

Morten Holm

Bremen. Das neue Bremer Selbstbewusstsein dokumentierte sich gleich nach dem Spiel. „Wegen einer Fehlentscheidung haben wir zwei Punkte verloren“, sagte Thomas Schaaf, der Trainer des SV Werder Bremen. „Ein Sieg von uns wäre sicher glücklich gewesen, trotzdem hätten wir die Führung nicht mehr aus der Hand geben dürfen.“ Ottmar Hitzfeld saß neben ihm und staunte nach dem 1:1 zwischen seinen Bayern und dem SV Werder über so viel Selbstvertrauen.

Während die meisten Werder-Profis und auch die Bremer Fans unter den 43 000 Zuschauern im Weserstadion nach dem schwer erkämpften Remis gegen unbequeme, engagierte Bayern zufrieden waren, schlug Schaaf neue Töne an. Seit einigen Wochen ist die Meisterschaft kein Tabuthema mehr an der Weser, und also, so Schaafs Rechnung, hätte Werder die derzeit schwächelnden Münchner besiegen müssen. Er ärgerte sich besonders über das Gegentor des FC Bayern: In der 79. Minute brachte Claudio Pizarro den Ball mit der Hüfte über die Bremer Linie, stand aber bei der Ballabgabe von Willy Sagnol eindeutig näher als jeder andere Feldspieler zum Bremer Tor. „Der Ausgleich war klar Abseits. In der ersten Halbzeit hat der Linienrichter den Arm kaum runter gekriegt. Und in der entscheidenden Situation ist er nicht da“, moserte Schaaf. Sein Stürmer Ailton war allein in der ersten Halbzeit ein halbes Dutzend Mal in die Abseitsfalle der Bayern getappt.

Auch in seiner Spielanalyse blieb Schaaf sehr kritisch. Den gehobenen Ansprüchen des Trainers hatte die Leistung seiner manchmal unsortierten Profis nicht gefallen: „Wir wollten ein gutes Spiel abliefern, dies ist uns nicht gelungen.“ Der Spielfluss habe gefehlt. „Die Mannschaft hat nicht zur gewohnten Sicherheit gefunden.“

Das lag natürlich zuvorderst an den disziplinierten, kampfstarken Münchnern. Sie holten sich vor ihrem entscheidenden Spiel in der Champions League am Mittwoch gegen den RSC Anderlecht das notwendige Selbstvertrauen. Dann muss aber ein Sieg her, um ins Achtelfinale zu kommen. Dass für neues Selbstvertrauen schon ein Punkt in Bremen und eine spielerisch allenfalls mäßige Leistung reichte, überraschte viele. Doch die Münchner Sprachregelung sah nichts Negatives vor. So sagte Uli Hoeneß: „Wir durften hier nicht verlieren, denn wir wollten in Bremen eine gute Ausgangsposition für die nächsten Spiele schaffen. Dem Spielverlauf nach hätten wir sogar mehr als einen Punkt verdient.“ Trainer Ottmar Hitzfeld war mit dem Remis hingegen sehr zufrieden. Er lobte Ballack und damit auch das eigene Defensivsystem. Man habe das Geschenk des Schiedsrichters gern angenommen, sagte Hitzfeld, der sich erst vom Fernsehen von der Abseitsstellung Pizarros überzeugen ließ. „Wir haben viel zum Spiel beigetragen und bei den Bremern, die ja seit Wochen in Hochform spielen, gut bestanden.“

So kann es also gehen, in der Bundesliga: Die großen Bayern jubeln über einen Auswärtspunkt und leiten aus ihm Aufbruchstimmung für eine bessere Zukunft ab. Und die Bremer, die dem großen Erfolg seit Jahren hinterherlaufen, sind unzufrieden, weil sie nur vier Punkte vor den Bayern liegen. Und nicht sieben. Denn die Furcht, dass es am Ende doch wieder die Münchner machen, die kennen die Bremer besser als viele andere.

Von Oliver Trust

Stuttgart. Fast verzweifelt schaute sich Kevin Kuranyi in diesem Moment nach Hilfe um. Er lag im Strafraum direkt vor Hamburgs Torwart Stefan Wächter, sein Kopfball aus kurzer Distanz war ein paar Meter am Tor vorbei geflogen. Fast ein Kunststück, den Ball nicht im Netz unterzubringen. Nichts schien in dieser 68. Minute übrig von seinem Instinkt vor dem Tor des Gegners, der ihn bis in die Nationalmannschaft getragen hatte, verschwunden die Selbstsicherheit, die ihn bei der Arbeit so lange begleitete.

Wenig ist in Stuttgart derzeit noch so, wie es einst war. Eine Niederlage im DFB-Pokal und zwei torlose Unentschieden in der Bundesliga werden als erste Anzeichen für eine kleine Krise gewertet. Und viele sind der Ansicht, das ganze Theater habe vor dem letzten Gruppenspiel in der Champions League bei Manchester United am Dienstag, den anschließenden Gipfeltreffen bei Bayern München und gegen Bayer Leverkusen nicht nur mit der Verletzungspause von Abwehrchef Marcelo Bordon zu tun, sondern vor allem mit Kevin Kuranyi.

Als er nach dem 0:0 gegen den Hamburger SV im Kabinengang des Gottlieb-Daimler-Stadions sein Seelenleben offenbarte, hatte er schmale Lippen, seine Augen bewegten sich unruhig, vergeblich suchte sein Blick einen Ruhepunkt. „Ich bin ein Mensch“, sagte er und klang bedrückt. „So etwas ist immer in deinem Kopf. Es belastet mich schon lange“, sagte der Stuttgarter Stürmer, der seit Monaten um eine Verlängerung seines bis 2005 laufenden Vertrages kämpft. Kuranyi liegen Angebote aus dem In- und Ausland vor. Neben Schalke 04 sollen auch Borussia Dortmund und der AC Mailand um ihn werben. Entscheidet sich Kuranyi gegen eine Verlängerung in Stuttgart, ist bereits ein Wechsel im Sommer 2004 im Gespräch. So könnte der VfB wenigstens noch eine satte Ablösesumme kassieren.

Neben seinem Gehalt, er soll mindestens 2,5 Millionen Euro verdienen, geht es in den Gesprächen mit seinem Stuttgarter Klub auch um eine Ausstiegsklausel für das WM-Jahr 2006, die er und seine Berater im Kontrakt verankert haben möchten, damit Kuranyi sich mit glanzvollen WM-Auftritten bei der WM in Deutschland für einen Wechsel zu einem großen Klub präsentieren kann. Die Klausel möchte der VfB Stuttgart in seinem Entwurf, der eine Laufzeit bis 2008 vorsieht, gerne vermeiden. Die Schwaben wollen Kuranyis Gehalt jetzt nicht exorbitant aufstocken und ihn dann für eine vergleichsweise geringe Summe 2006 ziehen lassen. „Ob ich hier verlängere, ist eine Entscheidung für das ganze Leben“, sagte der 21-jährige Stürmer.

Während Kevin Kuranyi davon spricht, dass ihm alle Angebote unterschriftsreif vorlägen, pokern seine Berater Roger Wittmann und Karl-Heinz Förster weiter mit der Stuttgarter Vereinsführung. Mehrfach berichtete die „Stuttgarter Zeitung“ über angebliche finanzielle Schwierigkeiten der Berateragentur „Rogon“, die einen Wechsel Kuranyis dazu nutzen will, ihre leeren Kassen aufzufüllen. „Es wird Zeit, dass die Sache vom Tisch kommt“, forderte Trainer Felix Magath. Kuranyi aber schüttelt nur mit dem Kopf. „Ich brauche Zeit“, sagt er und sieht dabei wieder so verloren aus wie in dieser 68. Minute, als sein verunglückter Kopfball ihn im HSV-Strafraum zu einem einsamen Menschen machte.

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