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Neue Vorwürfe in DFB-Affäre : Niersbach wusste wohl von Beckenbauer-Papier

DFB-Präsident Wolfgang Niersbach und sein engster Vertrauter Helmut Sandrock geraten weiter unter Druck. Im Hintergrund beginnen Machtkämpfe.

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Augen und Ohren geschlossen? Wolfgang Niersbach sieht sich neuen Vorwürfen ausgesetzt.
Augen und Ohren geschlossen? Wolfgang Niersbach sieht sich neuen Vorwürfen ausgesetzt.Foto: AFP

In den vergangenen Wochen hat sich Wolfgang Niersbach in einige Widersprüche verstrickt. Von einem Punkt ist er allerdings nie abgewichen: „Die Behauptung, wir hätten die WM 2006 mit unlauteren Mitteln bekommen, stimmt einfach nicht.“ Dies wiederholte der 64-Jährige immer wieder in den verschiedensten Varianten, bis er dann am vergangenen Montag etwas überraschend zurücktrat. Weil plötzlich ein Vertragsentwurf zwischen Franz Beckenbauer und dem früheren Fifa-Vizepräsidenten Jack Warner aufgetaucht war, der den Schluss zuließ: Es dürften wohl doch unlautere Mittel dazu beigetragen haben, dass die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland ausgetragen wurde.

Am Donnerstag sind in der WM-Affäre wieder neue Erkenntnisse zu Tage getreten. Und diese belasten nicht nur Niersbach schwer, sondern auch seine beiden engsten Mitarbeiter: DFB-Generalsekretär Helmut Sandrock und dessen Vize Stefan Hans. Wahrscheinlich haben die drei nicht alles getan, um die Vorwürfe der schwarzen Kassen und gekauften Stimmen vor der WM 2006 aufzuklären. Laut der „Süddeutschen Zeitung“ wussten Niersbach, Sandrock und Hans schon seit Wochen von dem Deal zwischen Beckenbauer und Warner, der dem Mann aus Trinidad und Tobago diverse Leistungen versprochen hatte.

Das Schreiben soll im Archiv aufgetaucht sein

Hans war von Niersbach im Sommer beauftragt worden, im Archiv nach Ungereimtheiten rund um die WM zu schauen. Denn im Organisationskomitee des Turniers war Hans vier Jahre lang als Leiter der Abteilung Finanzen und Logistik tätig. Hans fand dabei das Schreiben an Warner und behauptet nun, sofort danach Niersbach und Sandrock telefonisch darüber informiert zu haben. Der 53-Jährige hat dies den Mitgliedern des DFB-Präsidiums nun in einem Brief mitgeteilt. Dem Tagesspiegel bestätigte ein Präsidiumsmitglied die Existenz eines solchen Briefes. Offiziell wollte sich der DFB zu den neuen Vorwürfen nicht äußern und begründete dies mit den laufenden Ermittlungen.

Dass jetzt nicht nur Niersbach weiter in Erklärungsnot gerät, sondern auch Sandrock, die Nummer eins im operativen DFB-Geschäft, sowie dessen Stellvertreter Hans, bringt den größten Einzelsportverband der Welt noch stärker in die Bredouille. Die Führung des DFB bricht damit auseinander. Stimmen Hans’ Schilderungen, wäre Sandrock ebenfalls kaum mehr im Amt zu halten. Der 58-Jährige hatte sich stets treu hinter seinen Chef gestellt. „Dass Niersbach sein Amt ruhen lassen soll, beantworte ich mit einem klaren Nein“, sagte Sandrock noch vor knapp zwei Wochen. „Er soll mit uns diesen Weg der Aufklärung gehen. Das machen wir im Einvernehmen und mit großem Vertrauen.“

Die Zeit der Machtkämpfe beginnt beim DFB

Doch auch Hans wäre aufgrund seines Briefes an das Präsidium nicht aus dem Schneider, schließlich hätte  sich bei dem Gremium deutlich früher melden können. Hans’ Aktion verwundert auch deshalb, weil er und Sandrock als Niersbachs engste Vertraute beim DFB gelten. Der ehemalige Verbandschef bezeichnete Hans noch am Mittwoch als einen seiner wichtigsten Mitarbeiter. Innerhalb des DFB hat Hans nach Tagesspiegel-Informationen allerdings nicht den besten Ruf. Es ist zu hören, er sei jemand, der hauptsächlich danach schaue, was ihm nütze. Da er jetzt auch Sandrock mithinunterreißt, wird deutlich: Beim DFB hat die Zeit begonnen, in der so mancher  die neue Situation für sich ausnutzen will.

Das zeigt sich auch in der langsam beginnenden Diskussion um Niersbachs langfristige Nachfolge. Bisher führen die beiden Vizepräsidenten Reinhard Rauball und Rainer Koch die Geschäfte interimsmäßig. Am Mittwoch hatte der Chef des Niedersächsischen Verbands, Karl Rothmund, gesagt, Koch werde sich nicht zur Wahl stellen. Im Gespräch mit dem Tagesspiegel wollte Koch einen vorzeitigen Rückzug jedoch nicht bestätigen. „Ich kann und will mich zu dieser Frage derzeit nicht äußern“, sagte der 56-Jährige. Vielmehr gehe es nun allein darum, aufzuklären und Transparenz herzustellen. Der DFB müsse wieder Vertrauen zurückgewinnen.

Rund um das Freundschaftsspiel der deutschen Nationalmannschaft gegen Frankreich am Freitag in Paris wollen sich Koch, Rauball und der DFB-Schatzmeister Reinhard Grindel nun zusammensetzen und das weitere Vorgehen sowie die DFB-Leitung abstimmen. „Wir sprechen zuerst untereinander und miteinander – und zwar intern“, sagte Koch.

Mit Bundestrainer Joachim Löw und den Nationalspielern sollte die DFB-Spitze dann gleich auch noch reden. Löw hatte gestern noch berichtet, man habe der Mannschaft in aller Kürze eine kleine Aufklärung über alle Vorgänge gegeben. Davon dürfte mittlerweile vieles überholt sein.

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