Sport : Neuer Absprung

Der Reitsport wurde zuletzt von Skandalen bestimmt – gelingt nun beim CHIO ein Neuanfang?

Jeannette Krauth[Aachen]
Fest im Sattel? Nach dem Dopingfall von Springreiter Christian Ahlmann war die gesamte Mannschaft aufgelöst worden. Foto: dpa
Fest im Sattel? Nach dem Dopingfall von Springreiter Christian Ahlmann war die gesamte Mannschaft aufgelöst worden. Foto: dpaFoto: picture-alliance/ dpa

Die Sonne glüht, Anfeuerungsrufe dringen auf das Gelände des CHIO Aachen. Aachen, das schönste Reitturnier der Welt, wie es unter Reitern heißt, ist eröffnet. Die Starterlisten zeigen die bekanntesten Namen, 24 Nationen sind vor Ort, es geht um Preisgelder von 1,73 Millionen Euro.

Es könnte so schön sein. Doch der Reitsport hat harte Zeiten hinter sich. Dopingdramen und Diskussionen um tierschutzwidrige Trainingsmethoden. Spricht man mit Reitern, Veranstaltern, Trainern, egal wie spinnefeind sie sich ansonsten sind, alle wünschen sich: „Dass wir geeinter auftreten und zeigen, dass unser Sport zu 95 Prozent sauber und sorgfältig gemacht ist.“ Eine Botschaft, die gut klingt. Die aber auch zeigt: Die Zeiten sind hart, man rückt zusammen. Eine Bilanz: Wie steht es um den Reitsport? Und kann Aachen, dieses traditionelle und gewaltige Turnier, einen Neuanfang aufzeigen?

Baustelle eins: Doping. Bekanntester Fall war wohl Isabell Werth, 2009. Die Olympischen Spiele 2008 ein einziges Desaster, was den sauberen Sport betrifft: Etliche Pferde wurden positiv getestet, zum Beispiel auch das Pferd von Springreiter Christian Ahlmann. 2009 wurde der komplette Kader aufgelöst, nachdem sich mit Ahlmanns Dopingfall und einem Geständnis von Beerbaum („In der Vergangenheit hatte ich die Haltung: Erlaubt ist, was nicht gefunden wird.“) die Lage zuspitzte. Einzig gute Nachricht: Neue Fälle sind momentan nicht bekannt. Aachen wird zeigen, ob das eine Trendwende ist.

Baustelle zwei: Es geht hoch her auf den Dressurplätzen momentan. Reiter und Trainer werden von Zuschauern angesprochen, dass sie ihr Pferd nicht artgerecht behandeln, und die Stewards, die für Ordnung auf den Vorbereitungsplätzen sorgen sollen, haben wirklich alle Hände voll zu tun. „Es hat sich eine Sensibilität bei den Zuschauern eingestellt, die in ein falsches Extrem kommt“, sagt der deutsche Chefsteward Rolf-Peter Fuß. „Ich habe im Moment den Eindruck, dass wir mehr damit zu tun haben, unsere Reiter vor ungerechtfertigten Angriffen zu schützen als wirkliche Missetäter zu verfolgen.“

Wen wundert’s, dass die Fans sensibel sind. In der Dressur herrschen seit 2005 Diskussionen um Tierquälerei, beziehungsweise um eine Trainingsmethode mit vielen Namen: Rollkur ist der gängige Begriff, Hyperflexion steht nun für die verbotene Methode, erlaubt ist „Low Deep Round, LDR“. Es geht darum, dass das Pferd den Hals so stark biegen muss, dass die Nase fast die Brust berührt. Seit Jahren beschäftigt sich der Weltreiterverband damit, ob dies pferdegerecht ist oder nicht. Schon 2004 wurden die beiden Top-Reiterinnen überhaupt, Anky van Grunsven und Isabell Werth, in Aachen inoffiziell auf den Abreiteplätzen ermahnt. Zu den Weltreiterspielen 2006 wurde die Rollkur-Diskussion immer heftiger öffentlich geführt, vor allem gegen niederländische Reiter, und es begann eine Bewegung von unten: Online-Petitionen wie www.no-rollkur.de sammelten 26 000 Unterschriften in wenigen Tagen. Nun hat der Weltverband FEI eine neue Richtlinie herausgebracht, erklärt mit drei Skizzen und einer Beschreibung.

Verboten sei aggressives Reiten und wenn das Pferd länger als zehn Minuten in einer engen Position geritten wird. Danach sollen die Stewards entscheiden. Doch eigentlich sind alle Seiten unglücklich. Den einen ist die Neuerung zu locker, den anderen zu hart. Claudia Sanders, Initiatorin der Unterschriftenliste, spricht davon, dass hier „definitiv nur Begriffe ausgetauscht wurden“, der Verein „Xenophon“ unter der Leitung von Olympiareiter und Trainer Klaus Balkenhol kritisiert die Entscheidung in einer offenen Stellungnahme als nicht ausreichend. Selbst deren Gegenspieler, der niederländische Teamchef Sjeff Janssen ist unzufrieden, „es gibt da zu viele Grauzonen“, sagt er.

Der Neuanfang? Immerhin ermahnt die Sensibilität, die nun da ist, die Reiter, fairer zu reiten. Und man ist geradeaus: „Unsere Tür steht offen für Verbesserungsvorschläge“, sagt Frank Kempermann. Er ist Vorsitzender des Dressur-Komitees des Weltreiterverbandes und damit mitverantwortlich für die Neubestimmungen.

In Aachen, wo er zudem Geschäftsleiter für den sportlichen Teil ist, wird er die Früchte der FEI-Arbeit selbst sehen und beurteilen können.

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