Neuer Ball im Tischtennis : Runder als rund

Die Umstellung der Tischtennisbälle von Zelluloid auf Plastik stellt die Spieler vor neue Probleme. "Der Ball springt höher, hat weniger Rotation", sagt Vladimir Samsonow.

Susanne Heuing
Im Blick: Timo Boll fixiert den Ball. Ob er den Unterschied sehen wird?
Im Blick: Timo Boll fixiert den Ball. Ob er den Unterschied sehen wird?Foto: Reuters

Der Ball ist rund. Was dem Fußballer genügen mag, reicht dem Tischtennisprofi noch lange nicht. Er dreht vor jedem Spiel eine ganze Reihe von Bällen in alle Himmelsrichtungen, um den rundesten unter den runden zu finden. Wenn es um ihr Material geht, sind Tischtennisspieler hochsensibel. In Kürze aber werden sie sich mit einem neuen Spielgerät anfreunden müssen, ab dem 1. Juli 2014 werden die Zelluloidbälle, mit denen bereits seit 1897 gespielt wird, durch Plastikbälle ersetzt.

Die Weltmeisterschaft, die gerade in Paris stattfindet ist die letzte Einzel-WM, bei der sich die Tischtennisspieler einen Ball aus Zelluloid um die Ohren jagen. Die wenigsten der gut 800 Teilnehmer hatten schon die Gelegenheit, den neuen Ball zu testen, produziert wird dieser nur in Asien, von seiner letzten Reise nach China brachte Thomas Weikert, der Präsident des Deutschen Tischtennis-Bundes gerade einmal drei Bälle mit. „Letztes Jahr haben einige Spieler den Ball testen können, andere nicht. Wir würden gern mehr testen können“, sagt Vladimir Samsonow. Der Weißrusse, Achtelfinalist in Paris, ist einer der wenigen, die den Plastikball bereits gespielt haben. „Der Ball springt höher, hat weniger Rotation“, sagt er. Andere Spieler, unter ihnen auch der Olympiadritte Dimitrij Ovtcharov, kamen zu einem ähnlichen Ergebnis. „Jede Änderung ist schwierig, aber wenn es nicht anders geht, muss es halt sein“, sagt Samsonow.

Der 37-Jährige hat auch die letzte Änderung, die das Herzstück des Spiels betraf, schon miterlebt. Erst 2001 hatte es eine Umstellung vom 38 auf 40 Millimeter große Bälle gegeben, diese Regeländerung zielte wie die Verkürzung der Sätze darauf ab, das Spiel attraktiver zu machen. Dieses Mal jedoch ist der Hintergrund ein anderer: Zelluloid ist aus gesundheitlichen Gründen in vielen Ländern bereits verboten. 80 Prozent des Herstellungsprozesses eines Tischtennisballs sind identisch mit der Produktion von Nitroglycerin. Tischtennisbälle gelten als Gefahrengut, sie werden verschifft. „Das Material verpufft auch ohne Flamme, in China fackeln ständig Firmen ab“, sagt Andreas Hain, Promotion Director des deutschen Tischtennisausrüsters Joola. Hain und die Vertreter der anderen Ausrüsterfirmen begrüßen die Umstellung auf den neuen Ball ausschließlich, Bauchschmerzen bereitet ihnen der Plastikball ein Jahr vor seiner Einführung dennoch. Die Patentrechte liegen bei einer Firma in Asien. „Uns ist nicht klar, was das Patentrecht umfasst“, sagt Thomas Weikert.

Der Verband internationaler Tischtennismarken (FIT) formulierte nun in einem offenen Brief an den Weltverband ITTF seinen Unmut. „So lange die Patentrechtssituation so unklar ist, werden wir den Ball nicht verkaufen“, sagt FIT-Präsident Hain. Steffen Fetzner, Doppel-Weltmeister von 1989 und inzwischen Promotion-Manager der Ausrüsterfirma Donic moniert: „Niemand weiß, was der Patenthalter verlangt.“ Um den Ball im Juli verkaufen zu können, müsse man ihn theoretisch im Oktober bestellen, so Fetzner. Auch die Zelluloidbälle stellt Donic nicht selber her, sondern kauft sie wie andere Firmen auch, aus Asien ein. Der Doppel-Weltmeister selbst hat den Plastikball schon gespielt. „Er klingt wie ein kaputter Zelluloidball“, findet Fetzner. Die sensiblen Tischtennisspieler werden sich daran gewöhnen müssen.

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