Sport : Neuer Kurs

Der Deutschland-Achter siegt auf dem Rotsee und sucht nach Orientierung

Frank Bachner

Berlin - Die Kanadier waren nicht da, am Rotsee in Luzern. Jedenfalls nicht mit einem Achter bei den Männern. Die US-Amerikaner auch nicht. Thorsten Engelmann wäre gerne gegen sie gerudert. Nicht wegen der Ästhetik, die Kanadier haben einen lausigen Stil. Aber sie haben den Deutschland-Achter geschlagen 2004 auf dem Rotsee. Und der US-Achter ist Olympiasieger geworden. Die Boote sind einfach verdammt stark. „Wenn sie nicht starten, ist der Druck auf die Boote, die fahren, nicht so groß“, sagt Engelmann. Das gilt auch für ihn, er sitzt im Deutschland-Achter. Sie alle gehen immer bis zur Schmerzgrenze im Rennen, das schon, aber mit den Top-Teams als Gegner kitzelt man ein paar Prozent mehr aus sich heraus. Ohne die Stars werden Erfolge relativiert. Ein Erfolg, wie der gestern auf dem Rotsee. Der Deutschland-Achter gewann vor den Italienern.

Aber sie wissen nicht so recht, wie sie ihren Sieg einschätzen sollen, die Deutschen. Es ist ein nacholympisches Jahr, „da lassen es viele Nationen langsamer angehen“, sagt Engelmann. Die Deutschen natürlich nicht. Sie können sich das in diesem Jahr nicht leisten. Das Boot sucht gerade Orientierung, es braucht Ruhe nach einem Schlingerkurs. Sein Ruf steht auf dem Spiel. Der Achter gilt schließlich immer noch als Symbol der deutschen Ruderherrlichkeit. Aber die letzte olympische Medaille gab es 1996, die letzte WM-Medaille 2002. In Athen, bei den Olympischen Spielen 2004, fuhr der Achter auf Platz vier. Eine Schmach.

Deshalb hat Dieter Grahn, der Bundestrainer, einen harten Schnitt gemacht vor der Saison. Michael Ruhe raus als Schlagmann, Andreas Penkner rein auf diese Position, ein 22-Jähriger. Zwei weitere junge Ruderer rückten auch noch ins Boot. Das Problem ist nur, dass Grahn schon im Olympia-Jahr hektisch gewechselt hatte. Ruhe raus als Schlagmann, ersetzt durch Enrico Schnabel. Ein fataler Fehler. Also durfte Ruhe wieder auf Schlag. Und jetzt: Ruhe wieder raus.

Eng betrachtet, rein sportlich, macht das Sinn. Ruhe hatte schlechte Kraftwerte in den Frühjahrstests. Aber er hatte nie viel Kraft. Er durfte auf Schlag wegen seines Rhythmusgefühls. Deshalb wirkte das Ganze, eher strategisch betrachtet, wie Aktionismus. Doch Engelmann sagt: „Ich habe noch nie in so einem starken Achter gesessen wie jetzt.“ Und der Berliner ist schon ein paar Jahre im Boot. Die Startphase sei besser geworden, der Endzug auch. Und die ersten drei Saisons hat das Boot ja auch gewonnen, nur in München, beim Weltcup, landete es auf Platz drei. „Aber da waren die Gegner nicht gut, wir waren schlecht“, sagt Engelmann. Doch in München haben sie die ersten 500 Meter in 1:19 Minuten zurückgelegt, obwohl das Wasser besonders hart, also widerstandsfähig war. So schnell waren sie bei solchem Wasser noch nie.

Aber die WM im August ist entscheidend, nur Titel zählen wirklich. Und es geht auch noch um viel Geld. Der Hauptsponsor des Verbands zieht sich Ende Juli zurück, er hat pro Jahr bis zu 500 000 Euro bezahlt. Ein neuer Geldgeber lässt sich nur mit einem erfolgreichen Achter ködern. Der Mythos muss gepflegt werden. An Engelmann und seinen Kollegen soll es dabei aber nicht scheitern. „Wir wollenWeltmeister werden“, sagt er.

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