Sport : Neuer Matador: Unheimlich umwerfend

Michael Rosentritt

Den aufgeblasenen Sicherheitsleuten war er entwischt. Es sollte die eindruckvollste Tat des Graciano Rocchigiani in der Nacht von Sonnabend auf Sonntag gewesen sein. In der Nacht, in der das Publikum den grau gewordenen Helden auspfiff und die Inthronisierung eines neuen Matadors feierte. Thomas Ulrich war der Star der wohl bittersten Box-Veranstaltung in der Karriere des Graciano Rocchigiani.

Irgendwann gegen Mitternacht war der 37 Jahre alte Boxer abgetaucht im Neuköllner Hotel Estrel, wo er nach acht schwerfälligen Runden ausgebuht worden war. Die späte Pressekonferenz ließ er ebenso aus wie seine vielleicht letzte Chance, noch einmal das Können längst vergangener Tage aufblitzen zu lassen. Und das gegen einen Gegner, der harmloser hätte nicht sein können. Willard Lewis heißt der Mann, der bleich und weich blieb und im Cruisergewicht nichts zu schaffen hat. Der Stamm der Cree-Indianer wäre gut beraten, für ihren Gesandten ein alternatives Beschäftigungsfeld zu suchen, etwa als Eintänzer für Feierlichkeiten am offenen Feuer. Und auch Graciano Rocchigiani, das schwer ergraute Raubein früherer und sehr viel wilderer Tage wäre nicht schlecht beraten, kurzfristig nach einer anderen Betätigung Ausschau zu halten. Sonst fällt seine Karriere noch völlig in sich zusammen.

5000 Boxfans waren an den Ring gekommen. Und die setzten mit fortlaufender Kampfesdauer ihrem einstigen Helden zu. Erst pfiffen ganz Mutige. Später pfiff das ganze Haus. Jeder einzelne Pfiff dürfte Rocchigiani verletzt haben, alle zusammengefasst waren ein schwerer K. o. Nein, das hat sich Rocchigiani nicht träumen lassen, das er einmal in seiner Stadt und von seinem Publikum aus dem Ring gepfiffen wird, trotz des klaren Punktsiegs in seinem 47. Kampf. Aber irgendwo in den zurückliegenden neun Monaten, in denen er nicht mehr im Ring stand, sind ihm sein Mut, sein Wille, sein Instinkt, seine Unberechenbarkeit und seine Gefährlichkeit abhanden gekommen. "Die Frage ist, wer das noch sehen möchte und ob er noch boxen möchte", sagte Veranstalter Peter Hanraths zur Zukunft Rocchigianis. "Jeder hat mal einen schlechten Tag."

Einen sehr viel besseren hatte da schon Thomas Ulrich erwischt. Der 25 Jahre alte Halbschwergewichtler aus Spandau mit einem umwerfenden Lachen und zwei umwerfenden Fäusten bot draufgängerische acht Runden. Dann hatte Ulrich den routinierten Gabriel Hernandez weich gehauen. Es war die erste K.-o.-Niederlage des Boxers aus der Dominikanischen Republik, der bisher nur gegen Sven Ottke verloren hatte. "Er hat das Potenzial, ein ganz großer Boxer zu werden", sagte Ulrichs Trainer Torsten Schmitz. Und Hernandez, der seine Beulen und Schwielen hinter einer Sonnenbrille vergrub, grummelte ins Mikrofon: "Er ist ein wunderbarer Kämpfer." Ende der sechsten Runde hatte er Ulrich einmal hart getroffen. "Richtig, der Blitz hat einmal eingeschlagen", sagte der gut gelaunte blonde Hüne, "aber ich habe schon schlimmere Sachen erlebt." Vielleicht meinte er auch seinen Vorkämpfer Rocchigaini. Während sich Ulrich aufwärmte, "habe ich mal kurz reingeguckt. Ich will nichts Falsches sagen, aber was ich gesehen habe, sah nicht so gut aus."

Vier Runden lang konnte Hernandez mithalten. Dann legte Ulrich zu. Bis hinein in die achte Runde. "Da habe ich in seinem Gesicht gesehen, dass es ihm nicht mehr feierlich war, was da so auf ihn zukam", erzählte Ulrich. Nachdem Hernandez einmal zu Boden gegangen war, noch einmal zurückkam, ging er schließlich im Schlaghagel Ulrichs unter.

Thomas Ulrich, unbesiegt in zwanzig Kämpfen, will denn auch nichts überstürzen. "Wenn ich gegen Dariusz Michalczewski um die Weltmeisterschaft kämpfe, will ich auch gewinnen. Daher brauche ich noch ein bisschen Zeit, noch zwei schwere Kämpfe gegen harte Gegner. Ende des Jahres. Wenn es nächstes Jahr wird, bin ich auch nicht böse." Was Rocchigiani dann wohl treibt? Mit Sicherheit nicht mehr boxen.

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